Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage
Person:
Eberstadt, Rudolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2930467
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2933130
Wohnungszustände. 
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Ludwig-Vereins, Darmstadt 1911.  Daß der während der letzten 
Jahrzehnte eingetretene Rückgang der Sauglingssterblichkeit neben den 
Maßnahmen der Säuglingsfürsorge vor allem durch den starken Rück- 
gang der Geburtenziffer (in Schöneberg von 36,25 pro Mille im Jahre 
1886 auf 16,37 pro Mille im Jahre 1910) verursacht ist, wird von 
R. Kuczynski hervorgehoben; Jugendfürsorge in Schöneberg 1911. 
Beziehungen zwischen Kinderzahl und Wohnung ergeben sich 
nach zwei Richtungen; einmal hinsichtlich der Unterkunft kinderreicher 
Familien, ferner hinsichtlich der Einwirkungen der Wohnverhältnisse auf 
die Geburtenhäufigkeit.  
Die Klagen über die Schwierigkeiten, die den kinderreichen Familien 
in den Großhäusern gemacht werden, sind so allgemein, daß sie kaum 
mehr der Erläuterung durch Beispiele bedürfen. Der Hausbesitzer im 
Vielwohnungshaus wünscht aus verschiedenen Gründen keine Familien 
mit Kindern und bevorzugt die kinderlosen Ehepaare. Erfahrungen aus 
verschiedenen Städten für das Jahr 1914 werden seitens des Verbandes 
deutscher Militärhandwerker (Elberfeld) mitgeteilt: „Bei Nachfrage ist 
das erste: wieviel Kinder haben Sie? Bei zwei Kindern hält' es schon 
schwer, eine Wohnung zu bekommen (Danzig). Kinderreiche Familien 
bekommen in der Stadt kaum Wohnung (Graudenz). Kinderreiche 
Familien sind nicht gern gesehen (Münster). Kinderreiche Familien er- 
halten sehr schwer und dann nur in alten Häusern Unterkommen (Sieg- 
burg). Kinderreiohe Familien will niemand aufnehmen (Trier). Kinder- 
reiche Familien können nur schwer Wohnungen bekommen  Die 
Angaben werden nur als eine kleine Auswahl, zudem nicht der übelsten 
Verhältnisse, bezeichnet. Fälle der Kündigung bei Geburt eines Kindes 
werden häufig berichtet; mehrfach sind Verträge bekannt geworden, in 
denen der Mieter sich verpflichten mußte, im Falle eines Familien- 
zuwachses die Wohnung zu räumen. 
Daß unzureichende Wohnverhaltnisse zu den Umständen zählen, 
durch die ein Herahgehen der Geburtenhaufigkeit bewirkt wird, kann 
keinem Zweifel unterliegen. Vgl. A. Grotjahn, Geburtenrückgang, 1914, 
S. 346: „Die Kinderbeschränkung wird in der städtischen Bevölkerung 
immer mehr sich ausdehnen, wenn wir nicht den unglücklichen Kasernen- 
typus durch die weiträumige Bauweise wenigstens von jetzt ab abzulösen 
beginnen." S. auch Gretzschel, Zeitschr. f. Wohnungswesen, XIII, 
1915, S. 277. Die Gebürtigkeitsziffern betragen in Berlin: 
1880 1890 1900 1905 1910 1911  
       
    
Im Zusammenhang hiermit zeigt die für die Beurteilung des Woh- 
nungswesens wichtige Hausstandsziffer (durchschnittliche Zahl der Mit- 
glieder einer Haushaltung) folgenden Rückgang: 
    ) (ausschließlich Anstalten 3,60) Personen. 
Nach Silbergleit, Statist. Jahrbuch der Stadt Berlin, 32. Jahrg, 
1913, S. 111, wurden vom Rückgang der Fruchtbarkeit gerade die Stadt- 
teile mit breiten Schichten der Arbeiterbevölkerung am meisten betroffen. 
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