Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage
Person:
Eberstadt, Rudolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2930467
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2932300
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Zweiter Teil. 
es eines entsprechenden Nachweises kaum bedürfen. Von einem "Gesetz" 
von Angebot und Nachfrage im Sinne der Nationalökonoinie kann hier 
nicht die Rede sein. Nicht das Gesetz ist falsch, sondern die 
Voraussetzungen für seine Anwendung sind nicht gegeben. 
Schon Jul. Faucher  der entschiedene Vertreter der individua- 
listischen Nationalökonomie  hatte mit größter Schärfe hervorgehoben, 
daß das Gesetz von Angebot und Nachfrage auf den Boden nicht an- 
wendbar sei und daß hier besonders geartete Verhältnisse bestehen: 
"Es hilft der Bevölkerung nichts, sich im Wohnungsbedürfnis einzu- 
schränken, durch Ersparnis an der Ausdehnung des Grund und Bodens, 
der für das Wohnungsgelaß beansprucht wird. Beim Grundbesitz 
haben Angebot und Nachfrage ihr besonderes Gesetz." Die 
Bewegung für Wohnungsreform, Vierteljahrschr. f. Volkswirtschaft und 
Kulturgeschichte, herausgeg. von Jul. Faucher und Otto Michaelis, 
III. Jahrg, Bd. IV, S. 197, Berlin 1866.  
Im Sprachgebrauch des täglichen Lebens  allerdings mitunter 
auch in der Wissenschaft  wird die hier zu erörternde Formel häufig 
noch weiter verkürzt; man sagt nicht: die Preise regeln sich nach dem 
Gesetz von Angebot und Nachfrage, sondern schlechtweg: die Preise 
regeln sich nach Angebot und Nachfrage. Die beiden Aussprüche sind 
wesentlich verschieden. In dem ersten Fall geben wir die feste 
Regel für einen kausalen, mit gesetzmäßiger Wirkung eintretenden Zu- 
sammenhang. Im zweiten Fall gebrauchen wir eine hinsichtlich der- 
Ursächlichkeit gänzlich bedeutungslose Wendung. Das  übrigens ganz 
zutreffende  Wort: "Die Preise regeln sich nach Angebot und Nach- 
frage" enthält eine ebenso tiefe Weisheit wie der Ausspruch: "Die 
Preise regeln sich nach Forderung und Zahlung." Den letzten, uns. 
ungewohnten Satz erkennen wir sofort als eine inhaltlose Phrase; der 
erste, uns geläufige Satz besagt indes das gleiche. 
ä 28. Die Frage, ob die Preisbildung der Bodenwek sich heute 
durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt, muß nach der 
positiven und negativen Seite auf das genaueste geprüft werden. Denn 
gerade die Ursachen, die die Ausschaltung jenes natürlichen Gesetzes 
bewirken. beanspruchen unser Interesse.  
Naturgemäßerweise müssen die Bodenwerte am niedrigsten stehen 
auf reichlich vorhandenem, leicht zugänglichem und leicht bebaubarem 
Gelände; am höchsten dagegen dort, wo die Bodenverhältnisse un- 
günstig sind und die Stadterweiterung auf Geländeschwierigkeiten stößt. 
Die vermehrte Zufuhr an Baugelände muß nach dem obigen Gesetz 
von Angebot und Nachfrage die Preise verbilligen. In Wirklichkeit 
tritt indes nach beiden Richtungen das gerade Gegenteil jener Annahme 
ein. Wir wissen zunächst, daß die Bodenpreise da am höchsten stehen, 
wo die weitesten, Geländeflächenzur Verfügung sind und die Stadt- 
erweiterung sich in nahezu ungehinderter, Weise vollziehen kann. 
Ferner hat es sich bei allen neuen Stadterweiterungen und Eingemein-
        

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