Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Möbelwerk
Person:
Schmitz, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2912199
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2912744
die der Spätrenaissance weder als Typen noch in der 
Formensprache wesentlich hinaus. 
Italien, dem Ursprungslande des Barocks, sind aber 
dafür auf dem Gebiete der fürstlichen Prunk, 
räume und Prunkmöbel folgenreiche Anregungen 
zu verdanken. So hat es dem Barockornament, dem 
Kartuschenw, Rollwerk und krausen Akanthusblatt: 
werk zuerst die Form gegeben, die den Schnitzereien 
der fürstlichen Prunkmöbel der zweiten Hälfte des 
lljahrhunderts ihr Gepräge verleiht. Die Ornament: 
stiche der Federico Zuccaro und des Agostino Car: 
racci um 1600 leiten die Bewegung ein, die um die 
Mitte des Jahrhunderts Stephano della Bella und Pietro 
da Cortona zum Ziele führen, beider Arbeiten einen 
direkten Anstoß zur Entwicklung des Barockstils in 
Paris gebend. Die Raumkunst des italienischen Barock 
um die Mitte des 17. Jahrhunderts bildet die Grund: 
lage für Raumkunst und Luxusmöbel der fürstlichen 
Schlösser diesseits der Alpen im späteren 17.]ahr, 
hundert. Am Anfang stehen die Raumdekorationen 
der Carracci aus Bologna in Rom um 1600 (Galerie 
im Palazzo Farnese). Am Ende die Schöpfungen 
Pietro da Cortonas in dem Florentiner Palazzo Pitti 
und den römischen Pälasten Barberini und Doriaa 
Pamtili zwischen 1630 und 1660. Hier entfaltet sich 
die zusammenfassende Gestaltung der Säle, Gemächer 
und weiten Galerien nach einem einheitlichen, maß 
lerischen und plastischen Prinzip, dessen Grundzug 
die Vereinigung der nachAusdruck drängenden Kräfte 
nach oben, über den Türen, an den Gesimsen und 
in höchster Steigerung an den Decken ist. Im Zus 
sammenhang mit der Wanddekoration gestalten sich 
auch die Prunkmöbel, die Konsoltischqwandsessel 
und Kabinettschränke in barockem Sinne um. So er: 
scheinen in den Sälen und Galerien die mit farbigen Mar: 
morplatten, mit Platten aus Marmormosaik, Pietra 
dura, aus Stuckmarmor (scagliola) eingelegten Tisch. 
platten und Kabinettschränke aus geschnitzten, ge: 
malten und vergoldeten mächtigen Unterbauten, die 
von üppigen nackten Genien, von Najaden und 
Putten, von Negem und Adlern, Löwen usw., von 
gerollten Bändern, Muscheln und krausen Akanthusß 
blättern getragen werden. Auch Sessel, Stühle und 
Schemel in reicher vergoldeter Schnitzerei mit groß: 
gemusterten dunklen Sammetbezügen reihen sich zwi: 
schen die Prunkmöbel ein. Spiegel und Bilderrahmen 
bleiben in dem Schwung der durchbrochenen ver- 
goldeten Schnitzerei nicht zurück. Der in Rom um 
1650 ausgereifte Raum: und Möbelstil des fürstlichen 
Barock Italiens hat welthistorische Bedeutung, weil 
er die Vorstufe zu dem Stil Louisquatorze in Paris 
bildet. 
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts greift 
der üppige Schnitzstil des Barock in Italien auf die 
Nußholzmöbel über. Mit dem nordischen Barock teilt 
der italienische den tischlermäßigen Aufbau des Mö: 
bels, Verkleidung der Flächen durch Nußholzfurnier, 
die Gliederung hauptsächlich durch gehobelte Rah: 
men und Verdoppelungen. Der geschnitzte plastische 
Schmuck wirft sich in der Hauptsache auf die Bea 
krönungen, die Gestelle und Einfassungen. Das zeigen 
die italienischen Barockschränke des späteren l7.]ahr: 
hunderts  vier: und zweitürige Schränke verdrängen 
auch hier die Truhe und die Kredenzen. Vorzügliche 
Möbel des Barock entstanden in Parma, in Genua, 
in Turin und Venedig. Auch die Sitzmöbel werden 
teilweise reich mit Kartuschen. gerollten Bändern und 
selbst mit Figuren in Nußholz geschnitzt. Zwei her, 
vorragende Meister um 1700 sind auf diesem Gebiet 
Andrea Brustolon in Venedig und Filippo Parodi in 
Genua. Eigentümlich sind in Venedig Schemel mit 
gerollten Beinen und Lehnsessel mit niedrigen Rück: 
lehnen und geschwungenen Armlehnen. Auch die 
italienischen Tische des reifen Barock in der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts, zeigen neben wuchtigen 
Balustern häufig starkbewegte und mit Schnitzwerk 
verzierte Voluten und Kartuschen an den Zargen und 
Sockeln. Die üppigste Ausstattung mit durchbrochenem 
Voluten: und Kartuschenornamenten wurde den Kir: 
chenmöbeln, den Bet: und Lesepulten, Beichtstühlen 
usw. zuteil. Das italienische Barock hat mit Vorliebe 
die Nußholzmöbel durch teilweise Vergoldung be: 
reichert. Die Lust an farbiger und glänzender Deko: 
ration ergeht sich auch in gemalten Möbeln,namentlich 
in Venedig, wo übrigens im Ausgang des 17.]ahr: 
hunderts auch die chinesische Lackmalerei nachgeahmt 
wird, ferner ebenfalls vorzüglich auf dem Boden von 
Venedig und der Terra Ferma in der Belebung der 
Möbel durch eingelegte geschliffene oder bemalte 
Spiegelscheiben. 
Das französische Möbel des 
Louisquatorze 
Tafel 180-188 
In dem gleichen Zeitpunkt, wo in den Niederlanden, 
in Deutschland und England die bürgerliche Möbel: 
kunst des Barockstils einsetzt,um 1660, beginnt in Paris 
am Hofe Ludwigs XIV. die Luxusmöbelkunst eine 
Entwicklung, die ihr nicht nur innerhalb der fürstlichen 
Prunkmöbel des Barockzeitalters die höchste Stellung 
einräumt, sondern die für die gesamte Geschichte 
der Möbelkunst während der nachfolgenden anderts 
halb Jahrhunderte von tiefgehender Bedeutung ist. 
XXXIV
        

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