Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rationeller Wohnungsbau
Person:
Lübbert, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2876649
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2877464
Rationalisierung 
der 
geistigen 
Arbeit 
beim 
Wohnungsbau 
Wenn man annimmt, daß in den letztenjah- 
ren jährlich etwa 100000 Wohnungen gebaut 
worden sind, so wurden hierfür schätzungsweise 
10000 Entwürfe und ebensoviele Massenberech- 
nungen, Kostenermittlungen, Ausschreibungen, 
Abrechnungen angefertigt, unzählige Anträge an 
die Baupolizei- und Zuschußbehörden, die Hy- 
pothekenbanken und Feuerversicherungen muß- 
ten besonders bearbeitet werden. Für Berech- 
nungen, Schriftsätze, Anträge und mündliche Ver- 
handlungen wurde eine Unsumme geistiger Ar- 
beit erforderlich. Würde man den Wohnungs- 
bau in der Hauptsache nach einigen wenigen 
Normenentwürfen durchführen, so ließen sich 
auch die Berechnungen, Kostenanschläge, Aus- 
schreibungsunterlagen, Anträge und Abrechnun- 
gen normen. Unproduktive geistige Arbeit der 
Architekten, der Unternehmer, der prüfenden 
Behörden und Hypothekenbanken würde auf 
diese Weise vermieden werden; alle am Woh- 
nungsbau beteiligten Stellen, Architekten, Bau- 
unternehmer, Bauhandwerker, Behörden und 
Banken, könnten sich mehr der eigentlichen 
technischen Sacharbeit, dem Bau selbst und der 
wirtschaftlichen Förderung der Bautätigkeit 
widmen. 
Fast auf allen übrigen Wirtschaftsgebietcn 
ist eine Rationalisierung der geistigen Arbeiten 
bereits in weitem Ausmaße durchgeführt; sie 
bildet die Grundlage wirtschaftlicher Erfolge; 
wollte man etwa die Erzeugung von 100000 
Kraftwagen nach 10000 verschiedenen Ent- 
Würfen vornehmen, so wäre eine wirtschaft- 
liche Produktion von Kraftwagen undenkbar. 
Beim Kleinwohnungsbau, der ebenso wie viele 
andere Wirtschaftszweige Aufgaben der Massen- 
erzeugung zu lösen hat und ohnehin schon 
durch das Zusammenwirken einer beträchtlichen 
Anzahl von Handwerks- und Industriezweigen 
in seiner wirtschaftlichen Durchführung un- 
gemein erschwert wird, ist es bis heute fast 
durchweg bei der Vergeudung von geistiger 
Arbeit geblieben. Aufgabe der Normung muß 
es sein, die unproduktive geistige Arbeit zu ver- 
mindern, dafür aber den jährlich erstellten Wohn- 
raum zu vermehren; Aufgabe der führenden 
Köpfe der Architektenschaft und der Bauwirt- 
schaft ist es, die unrationelle geistige Arbeit im 
Wohnungsbau zu beseitigen und beste Normen- 
entwürfe anzufertigen, sowie dauernd darauf be- 
dacht zu sein, die Herstellung der Einzelteile 
des Hauses und des ganzen Hauses zu ver- 
bessern und zu verbilligen; eine solche geistige 
Arbeit ist rationell und produktiv. 
Die 
Begriffe 
nNOrm" 
und 
Xs 
 Es ist nun zunächst notwendig, die Begriffe 
"Normung" und "Typung" oder "Typisierung" 
im Hochbau zu klären. Von jeher gab es typische 
Formen von Bauteilen und Häusern. Die alten 
Wohnungsbauten an der Nordsee z. B. weisen 
eine bestimmte Gattung von Fenstern, und zwar 
nach außen aufgehende Zargenfenster, auf. 
Typische Formen des Grundrisses und Auf- 
baues sind das Niedersächsische Bauernhaus, 
das Hessische Bauernhaus, das Ostpreußische 
lnsthaus, das Bremer Dreifensterhaus, die Ber- 
liner Mietskaserne u. dgl. Aber diese Bauteile 
und Bauten sind zwar typische Einheitsformen, 
jedoch in ihren einzelnen Abmessungen nicht 
festgelegt. Bei fast jeder Ausführung sind die 
Maße der einzelnen Bauteile und Grundrisse, 
sowie die Abmessungen des Aufbaues verschie- 
den. Erst wenn man für eine typische Bauform 
die Maße genau festlegt, entsteht die Norm. 
Man kann also ein typisches Fenster, eine ty- 
pische Tür, eine typische Treppe "normen", 
jedoch nicht einen Typ typisieren. Ebenso läßt 
sich ein ganzer Haustyp, beispielsweise das 
Bremer Dreifensterhaus, in seinen sämtlichen 
Abmessungen genau festlegen, d. h. normen. 
"Typisieren" im Hochbau ist somit nicht 
denkbar. Vielleicht ist der Begriff Typisieren 
überhaupt ein sprachlich falscher. Man kann 
einen Typ schaffen und diesen Typ normen. 
Man kann jedoch nicht irgend etwas, irgendeine 
Bauform "typisieren". Der Typ ist da oder 
wird erfunden und in seinen Maßen festgelegt, 
d. h. genormt. 
        

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