Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Entwerfen, Anlage und Einrichtung der Gebäude: Kirchen, Denkmäler und Bestattungsanlagen: Kirchen
Person:
Gurlitt, Cornelius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2855104
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2859137
ift, wenn {ie nicht zu ihrem Teil diefen Zweck fördern hilft; fo fragt es {ich vor 
allem, wie foll der Zweck erreicht werden? Die Darftellung des Glaubens der 
Gemeinde vor Gott und vor {ich felbft wird als Wefen des Gottesdienftes aner- 
kannt. Darftellung aber ift Kunft. S0 follte der proteftantifche Gottesdienft KunPc 
fein: Kunft des Wortes, Kunft des Tones, Kunft der Form. 
Dabei ift freilich die Frage offen, was denn Kunlt fei? Wenn man {ie erfafst als äufsere 
Darltellung deffen, was der Menfch im innerften Inneren empfindet, Bekundung feiner feelifchen 
Erfahrungen, fo wird dadurch ein anderes Verhältnis zwifchen Kirche und Kunfl angebahnt, als 
bisher galt. S0 war früher die Kunli Gottesdienfi, und zwar zu allen Zeiten; fo kann fie es 
heute wieder werden. Man mufs ihr nur eines laffen oder in ihr ftärken: die Freiheit des 
felbftempfundenen Ausdruckes. Nur was in der Seele ift, kann aus ihr herauskommen. Mit 
dem Verbieten und Regelfetzen ift nichts getan! Das Gewährenlaffen derer, denen es Ernfl 
ums Herz ift  das ifi die Kunfipolitik, die die Kirche treiben follte. Nicht das Schöne, fondern 
das innerlich Wahre zu pflegen, ift ihre Aufgabe; nicht das Ueberkommene, fondern das täglich 
neu Geborene fei ihr Stolz. Neuen Glauben wecke fie aus dem täglich fich erneuernden 
Menfchentum oder, richtiger, den im Herzen verjüngten alten Glauben äufsere {ie in der um 
die Ausdruckform anderer unbeforgten Kraft felbfttätiger Begeifterung. 
3_sr-_ Als die Reformation kam, war ein Ueberflufs an Kirchen vorhanden, fo 
 dafs der vorher fo eifrige Kirchenbau bald ftockte. Es mufsten erft {tarke Ver- 
änderungen in der Bevölkerung {ich vollziehen oder viele Kirchen abgetan werden, 
ehe {ich die Notwendigkeit zu Neubauten einftellte. Und als diefe zu Ende des 
XVII. Jahrhunderts kam, hatten {ich namentlich die lutherifchen Liturgien bereits 
in Formen befeftigt, die flch den vorhandenen baulichen Einrichtungen einer anders 
geftalteten Kirche  der altgläubigen  einbequemten. Die Architekten mufsten 
nun eine feit etwa 11]: Jahrhunderten beftehende proteftantifche Tradition erft über- 
winden und mufsten als Neuerung dasjenige einführen, was fich eigentlich natur- 
gemäfs aus den Bedingungen des proteftantifchen Gottesdienftes ergeben follte und 
{ich daher in den älteften Bauten, namentlich in der Torgauer Kapelle (flehe Art. 87, 
S. 71) in voller Klarheit offenbart. 
Diefe Klarheit wird freilich vielfach geleugnet. Die Anficht von K. E. 0. Il-izfelilso) wird 
vielfach als abefonnem bezeichnet, nach der die Geftaltung der Torgauer Kapelle in der 
älteren, gotifchen Schlofskapelle (Ziefar, Wolmirfiedt, dazu noch Sachfenburg, Dresden vor 1548) 
ihre Erklärung finde. G. Delziolsl) fagt vermittelnd: wDie Sache erklärt fich fowohl aus For- 
 derungen des proteftantifchen Gottesdienfles, als aus der Eigenfchaft als Schlofskapelle, deren 
mehrere in diefer Gegend fchon Ende des XV. Jahrhunderts ähnlich geftaltet warenß Sie {ind 
aber alle nicht ähnlich. Sie haben nicht die Emporen ringsum, nicht den Altar gegen Weften, 
nicht den lutherifchen Altar. Dafs die Architekten des XVI. Jahrhunderts fo wenig wie die- 
jenigen des XIX. oder XX. Jahrhunderts auf einen Schlag ganz Neues zu liefern verftanden, 
fondern an den vorhandenen xMotivem feftklebten, ilt felbftverfiändlich. 
Die Betrachtung älterer proteftantifcher Bauten führte deshalb bisher zu falfchen Ergebniffen, 
weil man annahm, die heute in den Landeskirchen üblichen Liturgien feien feit dem Verlaffen 
der alten Lehre im wefentlichen diefelben geblieben. Neuerdings fmd die wiffenfchaftlichen Feft- 
fiellungen über die Gefchichte der evangelifchen Liturgie kräftig fortgefchritten. Vor 25 Jahren 
etwa konnte man noch die Anlicht hören, es gebe fo wenig eine Gefchichte in der evangelifchen 
Liturgie, wie einen evangelifchen Kirchenbau. Zum gröfsten Erftaunen der Evangelifchen felbfi 
hat {ich die Sachlage fehr geändert. Wir erkannten, dal's vielerlei vom katholifchen Gottesdienft 
herübergenommen wurde und dal's mit fo mancher Eigentümlichkeit, namentlich im lutherifchen 
Gottesdienfte, erft vom Rationalismus aufgeräumt wurde. Die fpäteren Kirchen des XVI. und jene 
des XVII; Jahrhunderts {ind zumeilt Erzeugniffe des unklaren Schwankens zwifchen der altkirch- 
liehen Ueberlieferung und dem echt evangelifchen Geift. Leider hat eben die deutfche Baukunft 
160) In: Der Kirchenbau des Proteftamismus. Berlin 1893. S. 31.  Siehe auch: RIETSCHEL, G. Lehrbuch der 
Liturgik. Berlin xägg. S. 109. 
161) Handbuch der deutfchen Kunüdenkmäler. Berlin. Bd. I (1905), S. 293.
        

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