Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bau und Leben unserer Waldbäume
Person:
Büsgen, Moritz Münch, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2810094
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2811861
Die 
Gestalt des Baumes. 
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zu beachten. Reichlicherer einseitiger Lichtzutritt hat auch eine stärkere 
Ernährung der bestrahlten Baumseite zur Folge, während die Schattenseite ver- 
kümmert. WIESNER spricht in diesem Falle von Phototrophie. Ein solches 
Beispiel ist in Fig. 29 dargestellt. Infolge der einseitigen Belastung kann 
sich der Stamm einseitig beasteter Bäume rein passiv durch Lastkrümmung 
nach der Lichtseite biegen.  
Die Empfindlichkeit der Pflanzen gegenüber der Reizwirkung von 
Schwerkraft und Licht ist ein Sonderfall der Reizbarkeit jeder lebenden Masse. 
Fast jede Anderung im Spiel der Kräfte in der Umgebung der Pflanze und 
auch im Pflanzenkörper selbst kann als Reiz wirken und Vorgänge in der 
lebenden Substanz auslösen, die in den hier behandelten Fällen als Wachs- 
tumskrümmungen sichtbar werden. Bezeichnend für alle Reizerscheinungen 
ist, um dies hier noch einmal auszusprechen, daß die letzteren zu dem Reiz 
nicht in der unmittelbaren Beziehung stehen wie etwa die Fallbewegung zur 
Schwerkraft. Der Reiz   
löst nur Kräfte aus, die s,   
in dem inneren Getriebe   
der lebendigen Substanz  "J 
gegeben sind. Diese lie- l  J ß 
fern die zur Ausführung I p   
der Reizkrümmung oder   
sonstigen Reizbewegung  l-Iß 
notwendige Arbeit oder a"  ä Q 
Energie. Um jedes Miß-  e    
verständnis auszuschlie-  S 
ßen, könnte man das " Ä J 
WortReiz geradezu durch   
"Auslösung" ersetzen.  
Wenn die Schwerkraft  
an einem schräg e- WM 
stellten Baum den Staräm  
ihrer Richtung zuwider Fig. 29. Prunus domestzta. Scheinbarer Heliotropismus 
aufwärts und gleichzeitig (Phototrophie). 
die Pfahlwurzel abwärts 
krümmt, so ist zwar zunächst kein einfacher Zusammenhang zwischen dem 
Kraftaufwand von Ursache und Wirkung zu erkennen, aber der Vor- 
gang könnte auch durch eine passende Maschinerie nachgeahmt werden. 
Es wäre irrig, aus dem zunächst paradox erscheinenden Vorgang und 
aus anderen Eigenheiten der Reizvorgänge schließen zu wollen, daß die 
Reizbarkeit eine grundsätzliche Besonderheit lebender Wesen sei. Daran wäre 
nur so viel richtig, daß der Ausdruck Reiz herkömmlich auf biologische Vor- 
gänge beschränkt wird. ,Grundsätzlich unterscheiden sich die Reizvorgänge 
nicht wesentlich von entsprechenden Vorgängen in der unbelebten Natur. 
Auch die Wirkung der Explosion einer Pulverladung ist nicht bedingt durch 
die Stärke und die Art des Mittels, das das Pulver zur Entzündung bringt. 
Von der früheren Auffassung, die in der Reizbarkeit geradezu ein Vorrecht 
des Lebens gesehen hat, wird man mit dem Fortschreiten der Physiologie ab- 
kommen müssen. Die Reizwirkungen entpuppen sich mehr und mehr als 
chemische Reaktionen und die Reizleitungen als Saftströmungen, die höchst- 
wahrscheinlich keinen anderen als den allgemeinen physikalischen und chemischen 
Gesetzen folgen. 
Auf die Einzelheiten der theoretischen Reizphysiologie und ihre philoso- 
phisch so bedeutsamen Fortschritte näher einzugehen, würde aus dem Rahmen 
Büsgen, Waldbäume. 3. Aufl. 4
        

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