Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Proportion in Antike und Mittelalter
Person:
Mössel, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2805436
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2806020
HELLENISCHE 
IV 
BAUWERKE 
UND 
BILDWERKE 
An keinem Bauwerk früherer oder späterer Zeit tritt die Proportion 
mit so eindringlicher Klarheit in Erscheinung wie am griechischen. Die 
ungegliederten Flächen der ägyptischen Steinbauten sind Bild- und 
Schrifttafeln; sie verlangen die ganze Aufmerksamkeit für den Inhalt 
ihrer Darstellung. Die Bauwerke anderer Kulturgebiete und Zeiten, 
Indiens, Roms, des europäischen Mittelalters beispielsweise, sind reich- 
geschmückt und gegliedert; das Auge wird in die Betrachtung der 
Einzelheiten gezogen. Der griechische Bau ist einfach gegliedert und 
fast schmucklos. Hier ist die Proportion alles und sie ist hier das 
klar gefaßte Ziel eines frei gewordenen ästhetischen Zweckbewufatseins. 
Die Erkenntnis von der Form und ihre Pflege löst sich aus der Bindung 
im Rituellen, Symbolischen; sie löst sich von allem Zwang, der von 
jenseits des eigenen Gebietes käme, nicht aber von der Geometrie. 
Die Geometrie, mit der sie erwachsen ist, nimmt sie mit in ihren 
jungen Tag, als wäre sie ihr Auge, durch das allein sie die Welt zu 
betrachten und zu gestalten vermag. 
Ich beschränke mich hier darauf, die Proportionen des sechssäuligen 
dorischen Peripteros zu entwickeln. Doch greift das Ergebnis weiter. 
Es wird sich finden, daß damit zugleich die wesentlichen Teile des 
Antentempels nach ihren Proportionen gekennzeichnet sind; denn der 
Antentempel zeigt in den Maßverhältnissen wie in Anlage und Einzel- 
formen nichts, was nicht auch im Kerngebäude der peripteralen Anlage 
gegeben wäre. Er ist gewissermaßen noch als Kern innerhalb des 
Säulenringes gebettet. Auch die Proportionen des Parthenon und des 
großen Achtsäulers in Selinus sind in wesentlichen Teilen in dem Pro- 
portionstypus des Sechssäulers bereits enthalten oder vorgebildet. Der 
Entwicklung dieses Schemas schicke ich noch einige Bemerkungen 
voraus über die vorgeschichtlichen Wohngebäude. Denn die Mali:- 
verhältnisse, welche für das Kerngebäude der peripteralen Anlage und 
den Antentempel festzustellen sind, finden sich auch im Grundriß des 
alten Männersaales, wie er durch die Grabungen in Troja, Tiryns und 
Mykenä zutage kam.  
Es ist typisch, daß die ganze Länge des peripteralen Kerngebäudes 
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