Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Innenraum des englischen Hauses
Person:
Muthesius, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2659016
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2660419
Der anheimelnde 
Raum. 
Die moderne eng- 
lische Raum- 
gestaltung. 
Geltungsbereich 
in England. 
Strebt man in einem Wohnraume das Traute, Gemütliche an, so unter- 
liegt es keinem Zweifel, daß eine niedrige Decke zur Erreichung dieses Ideals 
von vornherein beiträgt. Alte Räume muten häufig gerade infolge ihrer Niedrig- 
keit so anheimelnd an. Anderseits ist jedem Innenkünstler bekannt, daß es mit 
hohen Räumen ungemein schwierig ist, irgend einen intimeren, gemütlicheren 
Grundton der Raumwirkung anzuschlagen. Es strebt hier immer alles ins Groß- 
artige, Theatralische, Pompöse, und alle Kunstgriffe müssen darauf gerichtet 
sein, diesem falschen Eindruck entgegenzuarbeiten, man muß einen solchen Raum 
gewissermaßen gegen seine Natur behandeln. Der natürlich-gemütliche Raum 
ist der niedrige. Und so kommt es, daß heute bei allen englischen Architekten 
der ganz niedrige Raum von 2,50 bis 3, höchstens bis 3,50 Meter Höhe der 
beliebteste ist und Stockwerkhöhen dieser Art selbst in Häusern angewendet 
werden, die man bei uns mit dem schönen Wort "hochherrschaftlich" benennen 
würde. Die ganze Behandlung des Innenraumes zielt darauf ab, diesen schon 
in den Verhältnissen vorgezeichneten Charakter des Trauten und Wohnlichen 
bis zur Vollendung zu steigern. 
Es ist das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst der englischen 
Kunstbewegung, daß sie dieser Richtung folgend einen neuen Typus desWohn- 
raums entwickelt hat. Die glücklichen Anläufe und Neuausgänge, die in den 
letzten zehn Jahren die kontinentale Bewegung in der Wohnraumgestaltung 
genommen hat, beruhen auf den in England geschaffenen Grundlagen. Die 
ersten Anfänge davon liegen in England, und zwar, wie erwähnt, schon in 
den sechziger Jahren. Aber eine einigermaßen abgeklärte neuartige Form des 
Wohnraumes ist auch dort erst seit etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren zu be- 
merken. Die Architekten der Queen-Anne-Zeit, an ihrer Spitze Norman Shaw, 
führten zwar durchaus ihre eigne Art im inneren Ausbau durch, allein sie 
waren dabei noch zu sehr rückblickend-historisch, um sich in voller Freiheit be- 
wegen zu können. Morris verfolgte seine eignen, ganz persönlichen Wege, war 
aber zu ornamentfreudig, um heute für modern gelten zu können. Der eigent- 
liche moderne Innenraum kam erst mit der folgenden Generation herauf, mit 
den Leuten, die heute die Arts-and-Crafts-Gemeinde ausmachen. Es ging auch 
hier wie mit allen Neuschöpfungen: die Erfinder des Gedankens fühlten tastend 
vorwärts, mit ihren Füßen aber noch in der alten Welt stehend; die jüngere 
Generation zog aber gleich die vollen Konsequenzen aus dem Angedeuteten 
und ging frisch mit dem neuen Rüstzeug an die vollen Lösungen. 
Diese Art Innenraum soll hier vorzüglich betrachtet werden. Bei aller 
Verschiedenheit der Auffassung, die die einzelnen heute führenden Künstler 
bekunden, läßt sich doch eine einheitliche Richtung erkennen, die über die Grund- 
ziele im klaren ist. Ihr huldigt der Hauptteil der jungen Welt, ebenso die führen- 
den Dekorationsgeschäfte. Danebenher laufen freilich noch verschiedene andre 
Auffassungen. So hält ein Teil der Aristokratie und mit ihm die reich ge- 
wordene Finanzwelt an der französischen Auffassung fest. Diese Leute wollen ver- 
goldete Möbel, seidendamastbespannte Wände oder doch die brokatimitierende 
Tapete, sie lieben die vergoldeten Stuckdecken alten Angedenkens. Auch ein 
Teil der bürgerlichen Gesellschaft sonnt sich noch gern in der Nachahmung 
dieses aristokratischen Prunkes. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Ver- 
sorgungsstellen vorhanden sind, welche ihnen das dafür Nötige liefern. Auch 
eine Mode des Allerneuesten ist vorhanden, die vorwiegend von Frauen ver- 
folgt wird. Sie findet als Wandbekleidung augenblicklich nichts so schön wie 
die viktorianischen schreienden Blumenmuster auf Taffetkattun, man sieht jetzt
        

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