Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe
Person:
Pazaurek, Gustav Edmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2574985
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2575998
dies ebensowenig gelten lassen wollen wie in 
der Keramik oder beim Glase und haben dem 
Holz, wie dem Elfenbein die unglaublichsten 
Drechsler- und Schnitzerkünsteleien, wie jene des 
Nürnbergers Zick (Abb. 40), zugemutet; Nürn- 
berg scheint auch in der Gegenwart an solchen 
Virtuosentraditionen festhalten zu wollen, wie 
das "Kunststück" vom Jahre 1896 im Stuttgarter 
Landesgewerbemuseum beweist. 
Das Eisen hat den Nachteil der über- 
mäßigen Gebrechlichkeit nicht aufzuweisen; da- 
gegen ist es wieder zu schwer und ein zu guter 
Wärme- und Kälteleiter, so daß es sich für das 
kunstgewerbliche Mobiliar weniger eignet. In 
Kasernen, Spitälern und anderen Massen- 
behausungen, wo man auf Billigkeit, Festigkeit 
und mangelnde Eignung zur  Wanzeneinquar- 
tierung 1) ein größeres Gewicht legen muß als 
auf ästhetische Qualitäten, wird man eiserne 
Bettstätten bevorzugen; ob sie unansehnlich aus- 
sehen oder ob ein Musketier des Nachts etwa 
seinen Fuß mit einem kalten Eisenstab in Be- 
rührung bringt, spielt keine Rolle. Bei Garten- 
möbeln kommt überdies die leichte Oxyda- 
tionsmöglichkeit in Betracht, da der Rost 
sofort jede Stelle, an rder sich der schützende 
Lackanstrich abgeblättert hat, ergreift. Deshalb 
sollten auch keine Blumentopihalter aus 
Schmiedeeisen gemacht werden, da das not- 
wendige Blumenbegießen dem Eisen nicht gut- 
tun kann.  Trotz der geringen Eignung des 
Eisens für solche Zwecke können wir doch 
schon seit alter Zeit derartige Abschweifungen 
von einem Materialgebiet ins andere verfolgen. 
Der im Jahre 1574 in Augsburg von Thomas 
Ruker gefertigte, mit biblischem und mytholo- 
gischem Schmuck übersäte Eisenstuhl, den 
Kaiser Rudolf II. bekam, und der sich heute beim 
Earl of Radnor in Longford Castle befindet 
(Tafel V), ist sogar in Eisenschnitt, also der 
schwierigsten Eisentechnik, ausgeführt; dennoch 
kann er mehr den Wert eines Kuriositätsobjektes 
als den besonderer praktischer Eignung für sich 
in Anspruch nehmen. Auch das eiserne Schlaf- 
1) ln Neapel, wo man sich mehr vor Skorpionen 
fürchtete, werden Bettstätten aus poliertem Eisen schon 
von J. G. Keyßler (1730) erwähnt. 
Abb. 40. 
L. Zick: Drechslexkunststück 
(Nach J. G. Doppelmayr: Nürnberger 
Math. und Künstler, 1730)
        

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