Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe
Person:
Pazaurek, Gustav Edmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2574985
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2578641
dreidimensionale Variante, das Würielmuster, natürlich nicht; die ägyptische und 
mykenische Kunst hat es schon gekannt, desgleichen  wie schon die Kassetten- 
decken dartun  das ganze klassische Altertum, auch das ganze Mittelalter und 
jede spätere Periode. Für keramische oder Marmorfliesen war das Schachbrett- 
muster zu allen Zeiten der naturgemäße Ausgangspunkt für reichere Schmuck- 
motive; unter den Textilien spielt es ebenfalls seit jeher die größte Rolle, vom 
Leinendurchbruch der italienischen Renaissance angefangen bis etwa zur populären, 
großkarierten Biedermeierhose. Aber auch dort, wo die Technik keine besondere 
Handhabe hierfür bietet, ist die Schachbrettmusterung weit verbreitet gewesen, 
wie bei den schwarzen „Basalt"-Geschirren Wedgwoods oder bei Biedermeier- 
gläsern mit oder ohne Überfang. Immer und überall bildete eben das Schach- 
brett die nächstliegende Verlegenheitsauskunft, wenn einem schon ab- 
solut nichts anderes einfallen wollte. Als ein Rettungsanker wird dieses Motiv 
nun besonders an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts gepriesen. Es gibt 
keine kunstgewerbliche Materialgruppe, die dies nicht ausgiebig zu spüren be- 
kommen hätte: Teppiche und Plafonds, Tanzgewänder und Porzellandekore, 
Bucheinbände und Möbel, selbst Fächer und Schmucksachen werden geschacht; 
ja es nehmen, um in diese Stimmung hineinzupassen, sogar die Möbel selbst  
Würfelformen') an. „Selbst die Bartbinde"  spottet R. Schaukal mit be- 
rechtigtem Sarkasmus 2)  "erhält ein schwarzweißes Würfelmuster"; und Gustav 
Meyrink") spricht von der Würtelnatter, die „nicht von Gott erschaffen", sondern 
"von Kolo Moser entworfen" wurde. 
Aber man darf die modernen Wiener für das Schachbrett- und Würfelmuster, 
das ihnen allerdings besonders ans Herz gewachsen zu sein scheint, nicht allein 
verantwortlich machen. In Deutschland wird in diesem Artikel auch gerade 
genug geleistet. In bescheidenen Grenzen, namentlich als Ausgangspunkt für 
höhere Flächenmusterbildungen, wird man das Schachbre_ttm0tiv natürlich nicht 
verurteilen müssen. Nur dürfen wir nie aus dem Auge verlieren, daß sich hier, 
wie in anderen, ähnlichen primitiven Bildungen, eine nennenswerte künstlerische 
Phantasie nicht äußert. Sonst wären sogar einzelne Tiere, wie die australischen 
Laubenvögel oder unsere Bienen und Wespen größere Künstler als die Menschen. 
Hausknechtswesen 
Es muß einmal auch von freiheitlicher Seite ausgesprochen werden, daß ein 
unserer Zeit eigentümlicher Zug keinen Ruhmestitel für uns bildet. Wenn auch 
Malerei und Plastik hier die nächsten Leidtragenden sind, so spürt man doch 
die Reflexe dieser Erscheinung, die weit über übermütige Bohemienkreise hinaus- 
gedrungen ist, auch bereits im Kunstgewerbe. 
Im Jahre 1629 stellte die Universität Freiburg i. B. unter anderem folgende 
Dissertationsfrage auf: „Ob der Schluß probabel sei: er verwendet keine Sorg- 
1) Zum Beispiel Möbel von Emanuel Margold-Wien; ,.Deutsche Kunst und Dekoratiow 
vember 1908, S. 147.  Vgl. auch den Scherz von J. Bahr in den "Fliegenden Blältem" 
Nr. 3117, S. 200. 
9) R. Schaukal, Vom Geschmack, S. 33. 
3) Simplizissimus X, 1905, S. 195.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.