Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe
Person:
Pazaurek, Gustav Edmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2574985
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2578504
Wissenschaft in beiden Fällen vollständig eliminiert ist. Der Künstler gibt sich 
somit keineswegs darüber Rechenschaft, ob er sich etwa von einem Hippocampus 
brevirostris oder einem Conium maculatum anregen läßt, und wird auch eine 
Parabel nicht nach Kegelschnitten und Koordinaten konstruieren. Er greift in 
den unerschöpflichen Born der Natur und verläßt sich im übrigen auf sein Auge 
und auf sein Handgelenk. Die Schmuckformen und Motive, die uns die Natur 
seit den Urzeiten aller Kultur bietet, ausschalten zu wollen, wäre ein törichter 
Verzicht, der sich bald bitter rächen müßte. Hat doch die Natur, deren Linien 
sich ja schließlich auch geometrisch ausdrücken oder umschreiben lassen, in 
staunenswert abwechslungsreichen Linien- und Formenspielen so entscheidend 
vorgearbeitet, daß man immer wieder neue ,Kunstformen in der Natur" (Tafel XV) 
entdecken kann, die unsere kunstgewerbliche Tätigkeit maßgebend zu befruchten 
in der Lage sind. Daß die dem animalischen und ganz besonders vege- 
tabilischen 1)  nicht nur floralen  Gebiete entstammenden Schmuckelemente 
in ihrer üppigen Fülle und anscheinend regellosen Willkür leicht zur Ornament- 
häufung wie zu Konstruktionsexzessen verleiten können, sei zugegeben. Aber 
auch die geometrischen Formen sind nicht ganz ungefährlich; entweder man 
Wählt komplizierte Kurven mehrfacher Ordnung und schafft damit ähnliche Voraus- 
setzungen wie bei den botanischen Elementen, oder man begnügt sich mit den 
schlichtesten, geometrischen oder stereometrischen Gebilden, die allerdings klare 
Konstruktionsverhältnisse bieten, verfällt jedoch dadurch nur zu leicht in phantasie- 
lose Primitivität. 
Gerade die bisherige Entwicklung der modernsten Stilbewegung 
kann uns hier die wertvollsten Fingerzeige geben. Während uns auf der einen 
Seite, dank der Tiefseeforschung und dank der fortschreitenden Kenntnis mikro- 
skopischer Lebewesen fast mühelos, zum Beispiel in den ungefähr fünftausend 
verschiedenen Arten von Radiolarien, unendlich zahlreiche, künstlerisch noch gar 
nicht ausgebeutete Naturformen von reizvollstem Aufbau dargeboten werden, 
setzten viele Künstler ihren Stolz hinein, unabhängig davon, in sogenannten 
"abstrakten" oder besser "Gefühlslinien" oder „Temperamentkurven"2) zu 
schwelgen. Aber gerade diese „lineare Entladung der Gefühle", wie sie be- 
sonders an die Namen H. Guimard, H. van de Velde  den K. Scheffler „ein 
Instrument der Notwendigkeit, fruchtbar wie der Nil" nennt  oder A. Endell 
geknüpft sind, führten uns nur zu bald in die Regionen nervöser spielender 
Willkür, aus denen sich nur stärkere Individualitäten, wie P. Behrens oder 
Bruno Paul 3), wieder losringen konnten; der Durchschnitt der Schüler und Nach- 
tretet verfiel jedoch in ein wildes „Krixelkraxel", das ja ein Haupterkennungs- 
zeichen des sogenannten "Jugendstiles" bildet. Demgegenüber wurde nun die 
Parole ausgegeben, an strengere geometrische Gebilde anzuknüpfen t); aber das 
1) Vgl. auch den ganz interessanten Aufsatz von Hermann Banke-Breslau: Über Urmotive 
für Plastik in technischen und tektonischen Künsten, gegeben durch Wachstumsstadien von Vege- 
tabilien (E. A. Seemanns "Kunstgewerbeblatt" XVlll, S. 201 ff). 
2) Vgl. Karl Scheffler: Meditationen über das Ornament. "Dekorative Kunst" VIII, l901,S. 398 ff. 
3) Jugendarbeiten dieser beiden Künstler, z. B. in der "Dekorativen Kunst" II, 248, V, 4, 22 
usw.  Alte Jahrgänge der führenden deutschen und französischen Kunstzeitschriften nach dieser 
Richtung durchzublättern, ist überhaupt sehr lehrreich. 
4) Selbst im modernen Frankreich, das Naturmotive sonst viel ausgiebiger verwendet als 
Deutschland, kann man schon Bestrebungen in geometrischer Richtung verfolgen. Vgl. die Zeitschrift 
„A1t et Decoration" XXVI, 1909, S. 131 ft.
        

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