Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe
Person:
Pazaurek, Gustav Edmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2574985
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2577703
auch bei anderen Tieren  z. B. an einem Prager Hause (Abb. 173)  ver- 
folgen können. Während die Schwanzverdoppelung bei Löwen  der be- 
kannte böhmische Wappenlöwe ist in dieser Beziehung nicht das einzige 
Beispiel  vorwiegend vom dekorativen beziehungsweise Symmetriestandpunkt 
aufzufassen ist, verdankt der Doppeladler seinen zweiten Kopf aus der Sassa- 
nidenzeit, wenn auch nicht der Entstehung, so doch gewiß der Verbreitung 
nach in erster Reihe der Gewebetechnik, der die Symmetriebildungen be- 
sondere Erleichterungen bereiten.  Heutzutage sind wir allerdings nicht mehr 
so naiv und finden bei ernsten Darstellungen keinen Gefallen mehr an Bil- 
dungen, bei denen die Phantasie mit der natürlichen Beobachtung gar zu sehr 
auf dem Kriegsfuße steht. 
Manche Seltsamkeit geht gewiß nur auf einen Zufall zurück. Das schiefe 
Kreuz, das zum Unterscheidungszeichen der ungarischen Krönungskrone geworden 
ist, war selbstverständlich ursprünglich ebenso aufrecht wie das jeder anderen 
Krone; der Patron von Ungarn ist doch St. Stephanus und nicht etwa St. Andreas, 
dessen Attribut ein schräges Kreuz bildet.  Viele Naivitäten, die wir uns 
heute umständlich wissenschaftlich zu erklären bemühen, mögen übrigens 
von Haus aus nichts als Fehler gewesen sein, denen, um sie nicht ein- 
gestehen zu müssen, später eine schöne Ausrede umgehängt wurde. Im 
Syeyasotempel von Nikko in Japan steht ein Pfeiler verkehrt da; er heißt der 
"Pfeiler des Glückes", und man behauptet, daß man ihn absichtlich verkehrt 
eingesetzt habe, damit der Tempel wenigstens einen Fehler hätte, um die 
Götter nicht zu erzürnen.  Wenn diese schöne Polykrateslegende der Fuchs 
hören wird, dem man die sauren Trauben doch nicht mehr glaubt, wird er 
sich auch auf den Zorn der Götter berufen. 
Patenthumor 
Es ist unglaublich, was alles heutzutage erfunden wird,.seitdem die Patent- 
gesetze der Kulturstaaten die geistige Arbeit dieser Art ausgiebig schützen. Auf 
einer vielbesuchten Regionalausstellung des Jahres 1906 war als die größte 
Sehenswürdigkeit ein Objekt vorhanden, das doch der Vergessenheit entrissen 
werden möge, obwohl es nicht leicht ist, die Genialität dieser Erfindung in 
Worte zu fassen. Wir wollen es doch versuchen: Der natürliche Stoffwechsel 
nötigt bekanntlich leider jeden Menschen, täglich wenigstens einige Augenblicke 
an einem Orte zuzubringen, der, so tadellos er auch gehalten sein möge, doch 
im Zusammenhange mit dem Besuch an die Geruchsnerven gewisse Anforderungen 
stellt. Um dies möglichst zu verhindern, konstruierte der betreffende Wohltäter 
der Menschheit innerhalb des Gefäßes, das die Stoffwechselprodukte aufzunehmen 
bestimmt ist, einen Scherenverschluß, der nach vollbrachter Tat automatisch die 
Resultate den Gesichts- und Geruchsnerven entzieht. Soweit wäre alles in schönster 
Ordnung, und das zartere Geschlecht könnte mit diesem Patente auch zufrieden 
sein. Wehe aber, wenn auch ein Mann die Vorzüge dieses neuen Systems versuchen 
will und in die angenehme Eventualität gerät, als päpstlicher Sopransänger von 
Anno dazumal aufzustehen! 
Wie armselig ist dagegen die "Chaise perse (soll vermutlich percee heißen)" 
mit dem Pauken- und Trompetentusch, von der uns G. C. Lichtenberg im Göttinger
        

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