Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe
Person:
Pazaurek, Gustav Edmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2574985
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2577289
angefangen, indem man zum Beispiel spätgotische Klapptische konstruierte, oder 
auch alternierend auf beiden Seiten benutzbare Bänke mit Klapplehne, wie sie 
noch ab und zu in Museen, häufig auf damaligen niederländischen und deutschen 
Tafelbildern (Tafel XIV) angetroffen werden. An Betten (Museum von Ulm) oder 
Wiegen (Museum von Villingen) lassen sich Tischbretter oder Gestelle aufklappen, 
viereckige Tische werden durch Segmentklappen der Platte und des Fußtritts 
(Kunstgewerbemuseum in Karlsruhe) in runde verwandelt, Tischchen und Pulte 
werden an Lehnstühlen angebracht, z. B. am SterbestuhlVo1taires im Musee 
Carnevalet in Paris. Andere Lehnstühle, wie der Philipps II. von Spanien, der 
uns im Entwurf in der Kgl. Bibliothek in Brüssel erhalten ist, lassen sich in 
Betten ausziehen und bilden, in der Biedermeierzeit mehrfach variiert, die Ahnen 
für unsere Reformsofas und Bettfauteuils. Bisweilen nehmen Möbel  sozusagen 
durch Zellenteilung  den doppelten Umfang an, wenn man sie seitlich herauszieht; 
der Auszugstisch („Table ä transformation") kommt in sehr vielen verschiedenen 
Abarten vor, einer der reichsten aus der Empirezeit  im geschlossenen Zustande 
ein Rundtisch mit dickem Balusterfuß, der die Stützen birgt  steht im Museum 
von Rostock; bei kleineren Spieltischen geschieht die Verdoppelung durch Um- 
klappen der Scharnierplatte und Aufstützen derselben auf ein herausgezogenes 
Fußgestell. Besonders lustig war das, auf der Dresdener Ausstellung von 1906 
in der Volkskunstabteilung von Ostpreußen 1) gezeigte, bemalte neinschläfrige" 
Bett, das man im Bedarfsfalle  und solche Fälle sollen ab und zu vorkom- 
men  zu einem Doppelbett auseinanderschieben kann.  Ein Tisch, der sich 
zu einem Quartettnotenständer ummodeln läßt, steht im Goethehaus von Frank- 
furt a. M., aber die Idee stammt schon von Lalondeg); in ähnlicher Weise lassen 
sich aus dem Mittelpulte der Bibliothek des Stiftes St. Florian zwei Klapplehn- 
stühle herausziehen. Solche Beispiele kann ein jeder aus seiner eigenen Er- 
fahrung leicht vermehren"). 
Soweit wäre an den Möbeln noch nicht viel auszusetzen, wenngleich zu- 
gegeben werden muß, daß die Standfestigkeit bei den Klapp- und Auszugs- 
möbeln mitunter manches zu wünschen übrig läßt, was namentlich in einem der 
genannten Fälle recht kritisch werden kann. Aber die Transformationssucht 
kann auch leicht übertrieben werden, was namentlich die Engländer zu lieben 
scheinen, deren Zeitschrift „The Cabinet Maker" zahllose Beispiele im Bilde vor- 
zuführen nicht müde wird. Auch bei Theatermöbeln, soweit sie auf diesen Prin- 
zipien aufgebaut sind, können recht bedenkliche Momente eintreten, wenn ein 
Schauspieler in der Hitze auf den ominösen Druckknopf schlägt; das wurde vor 
einigen Jahren zum Beispiel vom Stadttheater von Hagen berichtet, wo sich in 
einem solchen Augenblick plötzlich bei offener Bühne ein Barockschreibtisch in 
ein Empiremöbel zu verwandeln begann. 
Wenn zwei verschiedene Möbeltypen ineinander übergehen, entsteht 
die bedenklichste Zweckkollision. Ein Tisch ist kein Stuhl, und ein Stuhl ist 
1) Raum 159; Besitzer Herr Saunus-Rokaiten. 
E) Vgl. Havard Dictionnaire IV, S. 614, wo auch viele andere Transformationsmöbel (z. B. IV, 
S. 459 und 1123) zu finden sind. 
S) Zwei besonders interessante Klapp- bzw. Schiebemöbel der Empirezeit sind abgebildet in 
Mayer-Graul, „Geschichte der Möbellormen" X1, Tafel 8, und im Amsterdamer Auktionskatalog von 
Fred. Müller 81 Cie. vom 25. April 1911, Nr. 864. 
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