Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach: Verwaltungsbezirk Eisenach: Amtsgerichtsbezirk Eisenach - die Wartburg
Person:
Voss, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2477139
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2479460
148 
Das 
Landgrafenhaus. 
Wartburg. 
landes eingedrungen? Die Maler der liturgischen Bücher, welche mit ihrer reichen 
Erfindungsgabe den Schöpfungen der Baukunst bei einzelnen ornamentalen Motiven 
oft um Jahrhunderte vorangegangen sind, haben die durch einen Rankenfries 
schreitenden Thiere schon im 10. und 11. Jahrhundert dargestellt. So z. B. in 
den Randverzierungen deutscher und französischer Handschriften  die sehr wohl 
die Vorbilder für die Thiere in den Rankenfriesen deutscher und französischer 
Bauwerke des romanischen Stils gewesen sein können. 
An den romanischen Bauwerken Italiens findet sich das Motiv anscheinend nur 
an wenigen Orten. So an einem Säulencapitell in Montefiascon e, wo sich die 
Löwen ganz ebenso wie an dem Wartburgcapitell den Rücken zuwenden. Ferner an 
dem Portal der Kathedrale zu Ben eveut. In etwas anderer, lebhafter bewegter 
Stellung sind die durch Ranken schreitenden Löwen in Sessa Aurunca darge- 
stellt (nordwestlich von Neapel, am Golf von  Dass sich das Motiv noch 
früher in Deutschland findet, und zwar in den ersten Regungen der romanischen 
Baukunst in den sächsischen Ländern, in Quedlinburg, Gernrode und 
Hildesheim, ist in dem Abschnitt „Die Stellung des Landgrafenhauses in der 
thüringisch-sächsischen Kunst", S. 113 hervorgehoben. Doch diese Arbeiten sind be- 
reits mehrere Generationen früher entstanden. Ihre Formen sind wesentlich alterthüm- 
licher und es ist nicht anzunehmen, dass der Meister der Wartburg an ihnen seine 
Studien gemacht hat. In grossen Zeiten künstlerischen Schaffens lernen die Künstler 
lieber von den jüngeren als von den älteren Generationen. 
Auch in Frankreich haben die Meister der romanischen Architektur den 
durch Ranken schreitenden Löwen mehrfach dargestellt, nicht nur an Säulencapitellen, 
sondern in fortlaufenden Rankenfriesen. Eine künstlerische Verwandtschaft der Com- 
position mit dem Löwencapitell der Wartburg (auch mit den beiden Löwencapitellen 
in Schwarz-Rheindorf) zeigt sich unverkennbar in dem schönen Bogenfries am 
Hauptportal der Kirche Ste. Marie aux Dames zu Saintes. Auch dort steigt in 
der Mitte des Löwenleibes ein Blattstengel fast senkrecht in die Höhe. Eine so auf- 
fallende Aehnlichkeit in der Raumvertheilung der Ranken kommt nicht durch einen 
Zufall. Ein so bestimmtes künstlerisches Motiv wird in dieser Uebereinstimmung 
nicht an verschiedenen Orten und von verschiedenen Steinmetzen selbständig er- 
funden. Entweder hat es der eine Steinmetz vom anderen gesehen  oder beide 
haben sich nach denselben Vorbildern gerichtet. Ob sie ein derartiges Vor- 
bild in der Architektur gefunden haben, oder in den Malereien der Prachthand- 
Schriften, in den Elfenbeinschnitzereien, Gold- und Silberarbeiten, die aus Byzanz, 
Italien und den Ländern des Orients im Abendlande eingeführt wurden, wird sich 
heute nur selten entscheiden lassen. 
Einen Rankenfries mit schreibenden Löwen hat die Peterskirche in Aulnay 
(Charente  Rankenfriese mit Thieren, die von einem Jäger gejagt 
werden, ganz ähnlich wie in Königslutter, treffen wir in Frankreich, z. B. an der 
 Treffende Beispiele bietet die Handschrift der Staatsbibliothek in München, eim. 58. Siehe 
Wilhelm Vöge, Eine deutsche Malerschule um die Wende des 1. Jahrtausends. Ferner ein Psalter in 
Boulogne, ebenfalls aus der Zeit um du Jahr 1000. Abbildungen bei Georg Humann, Beziehungen 
der Handschriftenornamentik zur romanischen Baukunst, S. 5. 
 Abbildung bei Venturi, Storia delParte italiana III, Fig. 539. 
 Abbildung bei Calnille Martin, L'art roman en Franoe III, Tafel 75.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.