Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach: Verwaltungsbezirk Eisenach: Amtsgerichtsbezirk Eisenach - die Wartburg
Person:
Voss, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2477139
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2479451
Die 
Wartbuug. 
Das 
Landgrafenhaus. 
147 
Ornamente. Die Capitelle an den Säulen des Brunnens haben dieselbe charakte- 
ristische Wölbung der Deckplatte wie auf den Bildern der syrischen Miniatur. 
Auch der byzantinischen Architektur scheinen die Säulencapitelle mit einer 
ähnlich gewölbten Deckplatte nicht fremd zu sein. In Ravenna finden sich solche 
Capitelle an einigen der Hauptsäulen des Mittelschiffes in S. Apollinare Nuovo. 
Ferner in dem griechischen Evangelistar des Vatican vom Jahre 948 (Graec. 354). 
Eine überraschende Verwandtschaft mit dem Löwencapitell in der Laube 
des Erdgeschosses vor der Kemenate der heiligen Elisabeth zeigt ein Löwenrelief 
in Civate, südlich vom Lago lllaggiore (Abbildung S. 149 und Lichtdruck vor 
S. 149). Die Stellung und Haltung der Löwen ist fast dieselbe, ebenso die Art, wie die 
beiden Löwen über den Raum vertheilt sind. In dem italienischen Relief findet 
sich auch die Löwenmaske, ans deren Maul sich die Ranken herauswinden. Die 
Aehnlichkeit in der Composition ist in allen hauptsächlichen Zügen eine auffallende. 
Doch die Ranken, welche die ganze Fläche ausfüllen, sind auf der Wartburg ver- 
einfacht. Hier zeigt sich das eigene architektonische Empfinden des Wartburg- 
meisters. Er hat die beiden Löwen so dicht an den oberen Rand hinaufgerückt, 
dass die Deckplatte des Capitells direct auf den Köpfen der beiden Löwen ruht. 
Auch die drei einzelnen Löwenmasken sind hart unter die Deckplatte des Capitells 
gesetzt, so dass sie als Console wirken. In dieser architektonischen Verwendung 
der Löwen ist das Wartburgcapitell den Löwencapitellen von Schwarz-Rhein- 
dorf nahe verwandt. Das Relief in Civate ist (wie die übrigen Bildwerke des- 
selben Bauwerkes) in der Zeit um 1100-1125 entstanden, also einige Jahrzehnte 
früher als die Skulpturen von S. Ambrogio in Mailand. Es sind Arbeiten, die 
nach dem Urtheil von August Feigel noch unmittelbar von byzantinischen Vor- 
bildern abhängen. Derselbe Forscher nimmt an, dass hier ein Meister aus der 
Schule von Monte Cassino thätig gewesen ist ü). 
Ob der Meister der Wartburg die Reliefs in der abgelegenen Bergkirche von 
Civate in Wirklichkeit gesehen hat oder nicht, entzieht sich unserer Kennt- 
niss. Er kann indessen eine derartige Composition sehr wohl auch auf den Re- 
liefs der Kästchen aus Elfenbein gesehen haben, die in jenen Zeiten von den 
Kreuzfahrern und Pilgern in Menge aus Italien, Oonstantinopel oder dem Morgen- 
lande nach Deutschland mitgebracht wurden. Auf die Uebereinstimrnung eines 
derartigen Elfenbeinkästchens im Kunstgewerbe-Museum zu Cöln mit den Löwen- 
capitellen von Schwarz-Rheindorf habe ich in dem Abschnitt über die Stellung des 
Landgrafenhauses in der thüriugisch-sächsischen Kunst, S. 114 hingewiesen. Statt 
der Ranke, die in Schwarz-Rheindorf vor der Mitte des Löwenleibes senkrecht in 
die Höhe aufsteigt, steht auf der Elfenbeinschnitzerei des Kästchens ein kleiner 
Baum, der genau denselben Zweck in der Composition des Reliefs hat (Abbildung 
S. 149). Der Kasten gilt als eine orientalische Arbeit aus dem 8. Jahrhundert. 
Auf den seidenen Geweben byzantinischer oder orientalischer Herkunft scheint 
das Motiv der durch Ranken schreitenden Löwen nicht vorzukommen. Dem Wesen 
der griechisch-römischen Antike ist es fremd. Der künstlerische Charakter deutet auf 
orientalische Herkunft. Doch aus welchen Quellen ist es in die Kunst des Abend- 
August 
Feigel 
Monatuhefte 
Kunstwiuenschalt,
        

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