Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Steine von Venedig
Person:
Ruskin, John Jahn, Hedwig
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2405576
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2407748
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in der Blüte ihrer Jugend keine Stadt citlcr Vergnügungs- 
sucht. Es lag noch eine Trauer des Herzens auf ihr und 
eine Tiefe der Andacht, die ihre ganze Kraft ausmachte. 
Ich betone nicht die wahrscheinlich religiöse Bedeutung 
vieler Skulpturen, die jetzt schwierig zu deuten sind; aber 
die Gemiitsstimmung, die das Kreuz zum Hauptornament 
jeden Gebäudes machte, ist nicht misszuverstehen, und wir 
können auch nicht umhin, in vielen kleineren Skulptur- 
gegenständen Bedeutungen zu erkennen, die dem Geiste 
der ersten Christenheit völlig vertraut waren. Der vor 
allen anderen Vögeln bevorzugte Pfau ist das wohlbekannte 
Symbol der Auferstehung, und wenn er aus einem Spring- 
brunnen trinkt (Tafel 32, Fig. l) oder aus einem Taufbecken 
(Tafel 32, Fig. 5), so ist er zweifellos ein Sinnbild des durch 
gläubige Taufe erhaltenen neuen Lebens. Der vor allen 
anderen Bäumen bevorzugte Weinstock wurde gleicherweise 
überall als Sinnbild, sowohl von Christus selbst, wie von 
denen betrachtet, die in sichtbarer oder offenkundiger Ver- 
einigung mit ihm standen. Die Taube an seinem Fuße 
stellt das Kommen des Trösters dar, und selbst die Gruppen 
kämpfender Tiere hatten wahrscheinlich eine bestimmte, 
allgemein verständliche Beziehung auf die Mächte des 
Bösen. Aber ich lege kein Gewicht auf diese geheimeren 
Bedeutungen. Der Hauptumstand, an dem der Ernst des 
frühen venezianer Gemütszustandes zu erkennen ist, ist 
vielleicht der letzte, von dem der Leser dies für möglich 
halten würde,  nämlich die Liebe für helle und reine 
Farbe, die, in veränderter Form, später die Wurzel zu allem 
Ruhm der venezianischen Malerschulen wurde; aber in ihrer 
äußersten Einfachheit nur für die byzantinische Epoche 
charakteristisch war, und deren Bedeutsamkeit wir uns am 
Schluss unserer Betrachtung jener Periode deutlich klar 
machen müssen. Tatsächlich schätzt niemand von uns die 
Würde und Heiligkeit der Farbe in gebührender Weise. 
Nur zu häufig hört man sie als untergeordnete Schönheit 
erwähnen,  ja, selbst als eine Quelle sinnlichen Ver- 
gnügens; und man möchte beinahe glauben, dass wir uns 
täglich unter Leuten befänden,
        

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