Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Formen des Kunstwerks und die Psychologie der Wertung
Person:
Müller-Freienfels, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2328262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2329137
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Das 
seine Formen. 
Kunstwerk und 
Fall übertrieben, und so ist sie denn auch von den meisten Auto- 
ren unter höflichen Reverenzen vor dem gelehrten Verfasser 
nur mit großer Vorsicht aufgenommen worden. 
Ich möchte hier zunächst feststellen, daß es ganz und gar 
abzulehnen ist, daß alle Kunst sich aus der Arbeit entwickelt 
habe, im Gegenteil, der weitaus größte Teil der Kunst, auch 
bei den primitiven Völkern, hat in der Hauptsache einen rein 
ästhetischen (d. h. eigenwertigen), nicht einen praktischen Ur- 
sprung, und nur akzessorisch mischen sich derartige Elemente 
hinein. Denn fast alle Völker singen und tanzen gerade dann, 
wenn sie nicht arbeiten, und außerdem kommt überhaupt auf 
jenen Kulturstufen, wo der Ursprung der Kunst zu suchen ist, 
die "Arbeit", man mag diesen Begriff soweit fassen wie man 
will, doch lange nicht in solchem Maße in Betracht, daß man 
ihr bereits eine solche Wirkung wie die Schöpfung von Poesie, 
Tanz und Musik zutrauen könnte. Gewiß werden sich auch 
bei der Arbeit musische Tätigkeiten eingestellt haben, und ge- 
wiß ist gerade der Rhythmus es gewesen, der das Bindeglied 
bildete. In der Hauptsache jedoch ist festzuhalten, daß die 
Kunstbetätigung gerade dann, wenn keine Arbeit zu verbringen 
war, entstanden ist, daß sie in einem Bedürfnis nicht geübte 
Organe zu betätigen wurzelt, kurz, daß das Ästhetische ein 
ebenso ursprüngliches Verhalten des Menschen ist wie die Praxis, 
die Arbeit. Nur das eine ist zuzugeben, daß beide Arten der 
menschlichen Tätigkeit von demselben formalen Prinzip, 
dem des kleinsten Kraftmaßes beherrscht werden, und daß dar- 
um der Rhythmus, weil er besonders diesem Prinzip gemäß ist, 
in der ästhetischen wie in der praktischen Tätigkeit erscheint 
und er so auch geeignet war, beide zusammenzuführen. 
Wir nehmen also an, daß aus einem allgemeinen 
Funktionsbedürfnis heraus, die ästhetischen Tätigkeiten 
erwachsen sind. Vielleicht ist die primitivste Form der Tanz, 
und gerade hier hat der Rhythmus ja dieselben Wirkungen wie 
in der Arbeit. Denn was für jede Bewegung gilt, gilt auch für 
den Tanz, daß unregelmäßiges Innervieren zu viel rascherer 
Ermüdung führt als rhythmisches, d. h. regelmäßiges. So leitet 
auch Ferrerol) die Vorliebe des Wilden für den Tanz gerade 
Ferrero: 
Revue 
Scientiüque, 
Tome V. 
Serie 
333.
        

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