Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Formen des Kunstwerks und die Psychologie der Wertung
Person:
Müller-Freienfels, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2328262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2329961
Das Zustandekommen 
der Formen. 
129 
herausrnodelliert 
wurden. 
Der 
Bildsinn 
wurde 
diese 
reinen 
Linienspiele oft erst später hineingetragen und die Linien da- 
nach modifiziert. Es genügen für den anspruehslosen Men- 
schen sehr wenige Andeutungen, nur ein paar Linien, um darin 
ein ganzes Gemälde zu sehen. Am besten zeigt das die Kunst 
der Kinder, die nur ein paar charakteristische, oft bloß sym- 
bolische Züge gibt und doch befriedigt ist von der Darstellung. 
Man braucht darin nicht eine überreiche, "unverdorbene" Phan- 
tasie zu erblicken und traurig darum zu seufzen, daß diese dem 
Kulturmenschen später verloren ginge, es ist oft das direkte 
Gegenteil, eine große Anspruehslosigkeit, eine Ungenauigkeit 
des Sehens. 
Die Kunst der primitiven Völker ist, soweit sie nicht or- 
namental ist, streng naturalistisch. Natürlich setzt ein solcher 
Naturalismus, wie wir ihn an künstlerischen Gebilden aus prä- 
historischer Zeit oder in Australien haben, eine lange Ausbil- 
dung der Technik voraus, und wahrhaft primitive Kunst haben 
wir nirgends. Es ist durchaus nicht angängig, die Kunst der 
Wilden mit der Kunst der Kinder auf eine Stufe zu stellen. 
Die Kunst der Jägervölker usw. ist durchaus nicht traditions- 
Ios, und sie strebt durchaus naturalistisehe Wiedergabe an, was, 
wie Grosse gut dargelegt hat, durch die scharfe Ausbildung 
der Sinne und die manuelle Geschicklichkeit dieser Nomaden 
sehr erleichtert wird. 
Indessen ist, wenn wir auch die Entstehung der Kunst- 
formen aus Nachahmung und aus technischen Gründen be- 
greifen können, damit noch keineswegs erklärt, Warum denn 
diese so entstandenen Formen auch für Beschauer einen 
ästhetischen Lustwert bekamen. 
Sicherlich haben hier wiederum die verschiedensten Gründe 
zusammengewirkt. Für die Bewertung naturalistiseher Formen 
ist ohne Zweifel die Freude am Wiedererkennen von größ- 
ter Bedeutung gewesen. Karl Groos hat sehr hübsch nachge- 
wiesen, wie stark das einfache Wiedererkennen Vergnügen zu 
erwecken vermag-Ä) Daneben mag die Bewunderung für die 
Fertigkeit, die Seltenheit eines solchen Gegenstandes sehr viel 
Groos; 
der Menschen. 
Spiele 
1899. 
152i 
-Froienfels. 
Müller- 
Psychologie der Kunst.
        

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