Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Psychologie des Kunstgeniessens und des Kunstschaffens
Person:
Müller-Freienfels, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2325331
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2326793
Der visuell-sensorische 
Typus. 
95 
das sind malerische Wirkungen, verglichen mit dem Zement- 
grau der akademischen Baukunst früherer Jahrzehnte. 
Wir haben hier gleichsam eine Rückkehr zu längst ver- 
gangenen Kunststufen. Während die Griechen ihre Statuen 
bemalten und Farbe in der Skulptur des ganzen Mittelalters 
herrschte, hat sich in der neueren Zeit im allgemeinen die 
Entwicklung der Kunstformen im Sinne der Spezialisierung auf 
einzelne Sinnesgebiete vollzogen. Wir. werden dieselbe Er- 
scheinung noch öfter Enden, ebenso aber auch die Reaktion 
dagegen. Die Entwicklung beginnt also mit einem „Gesamt- 
kunstwerk", das möglichst alle seelischen Funktionen ergreift 
und schreitet fort zu immer größerer Spezialisierung, so daß 
schließlich die Malerei nur noch Farbe, womöglich aber keine 
Umrisse und keine Tiefenwirkung erstreben soll. Die Richtung 
geht also von der größeren Mannigfaltigkeit des Eindrucks hin 
zu stärkerer Konzentration auf ein einzelnes Sinnesgebiet. Diese 
Konzentration soll dann dadurch erleichtert werden, daß man 
alle anderen Wirkungsfaktoren möglichst ausschließt. So ent- 
stehen unsere rein malerisehen, kontur- und perspektivelosen 
Bilder, so unsere farblose Plastik, so auch die absolute Musik. 
Dagegen nun tritt gerade infolge ausgesprochener Misch- 
typen, wie Klinger einer ist, eine Reaktion ein, und wir haben 
so die Erscheinung, daß die Entwicklung auf ihrer äußersten 
Stufe wieder einlenkt zu ihrem Ausgangspunkt, daß sie über 
vollkommene Spezialisierung wieder zur Universalität zurück- 
kommt. Es wird sich das noch deutlicher auf dem Gebiet der 
Musik, an der Person Richard Wagners, offenbaren. 
Selbst die Bühne und ihre Kunst wird vom visuellen Typus 
in Anspruch genommen. Das moderne Stildrama sucht in jeder 
Hinsicht aufs Auge zu wirken, durch Licht- und Schatten- 
effekte aller Art, durch Farben und Formen. Man möchte eine 
"Malerbühne" konstruieren und will vor dem Proszenium sitzend 
Gemälde erleben. Wir kennen solche Forderungen besonders 
aus den Werken von Georg Fuchs in München und des Eng- 
länders Gordon Craig. 1) Praktisch sind wenigstens verwandte, 
1) G. Fuchs: Die Schaubühne der Zukunft. 
Kunst des Theaters. Deutsch von Kassler. 
Gordon Graig: 
Die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.