Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Psychologie des Kunstgeniessens und des Kunstschaffens
Person:
Müller-Freienfels, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2325331
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2326779
Der visuell-Sensorische 
Typus, 
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müht, das ganze Gebiet der Malerei zu erobern. Diese aber 
ist nicht nur auf .Farbe gestellt, sondern auch auf Form und 
Bedeutung. Wie es nun aber in solchen Prinzipienkämpfen 
zu gehen püegt, so kam es auch hier. Durch Widerstand und 
Ünverstand wurde ein an sich richtiges Prinzip auf die Spitze 
getrieben und zu Übertreibungen geführt, die ans Absurde 
streiften. Statt der vernachlässigten Farbe den ihr gebührenden 
Platz neben den anderen Faktoren wiederzuerobern, ging 
man in der Hitze des Gefechtes so weit, Form und Bedeutung 
im Bild ganz ausschließen zu wollen. Eine gute Portion Auto- 
suggestion spielte in solchen Fällen oft mit, und man kann 
durchaus glauben, daß jene Maler in bester Überzeugung sprachen, 
die in der Natur nur Farbwerte zu erkennen glaubten. 
Vor allem gilt der Kampf dem Imaginativeiz, allem was 
man schlechthin als "Inhalt" bezeichnet. Ich lasse zunächst 
einen der lautesten Rufer im Streite, den Kunstschriftsteller 
Meier-Gräfe selber sprechen: „Bei allen gelungenen Werken 
wird man beobachten",  schreibt er in seinem Fall Böcklin"  
„daß mit der Verstärkung des eigentümlichen Klanges im Ver- 
hältnis das rein Gegenständliche des Bildes mehr zurücktritt. 
Nicht nur gewisse, im ersten Augenblick vertretende Äußer- 
lichkeiten verlieren sich, der ganze Inhalt, d. h., was man zu- 
erst für Inhalt des Bildes nahm, verschwindet oder verschwimmt 
wenigstens bis zum gewissen Grade. Diese Eigentümlichkeit 
ist dem Verhalten des Menschen bei exakter Betrachtung direkt 
entgegengesetzt, bestätigt sich aber nicht nur in der Malerei, 
sondern in allen Künsten und treibt diese in die Sphäre der 
Musik, der einzigen Schwester der Malerei, die nicht des Gegen- 
Standes bedarf. Tatsächlich erinnert man sich an die reale 
Begebenheit geliebter Bilder, die man hundertmal gesehen hat, 
auffallend schlecht und hat oft in der Unterhaltung die größte 
Mühe, einem Freunde klar zu machen, welches Werk man meint, 
weil man durchaus nicht mehr gewöhnt ist, es von dieser Außen- 
seite zu betrachten. Eher möchte man Farben, Flächen, Linien 
reden und mangelt natürlich genügender Sprachbezeichnungen. 
Dagegen scheinen Begriffe, wie Baum, Zentaur, Nymphe wie 
sonderbare Fremde, sobald man versucht, mit ihnen die wunder- 
bare Harmonie, den Klang, der allein in die Seele klingt, an-
        

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