Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Psychologie des Kunstgeniessens und des Kunstschaffens
Person:
Müller-Freienfels, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2325331
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2326762
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Psychologie 
Die 
künstlerischen 
des 
Genießens. 
torische Faktoren und an das Urteil. Rein sensorisch sind nur 
die Farbenwirkungen, und die ausgesprochenen Vertreter dieses 
Typus haben denn auch nicht versäumt, ihre Art, die ganze 
Welt als ein buntes kaleidoskopartiges Farbenspiel zu sehen, 
als edelste Kunstforderung in die Welt zu posaunen. 
Der Farbensinn ist ja eine derjenigen Formen ästhetischen 
Erlebens, die schon auf allerfrühester Stufe vorkommen. Schon 
Tiere ziemlich wenig entwickelter Gattungen, Insekten z. B, 
scheinen nicht nur stark durch einzelne grelle Farben, sondern 
bereits durch feine Farbenkombinationen erregt zu werden. 
Farbige Wirkungen erstreben auch die Wilden der verschiedensten 
Erdteile in ihrer Bemalung und ihrem Schmuck, und man braucht 
nur durch ein slavisches Dorf gewandert zu sein, um auch in 
unserer N ähe die Farbenfrendigkeit primitiver Menschen zu er- 
kennen. Denn das ist eine Tatsache, daß der Farbensinn mit 
dem Steigen der Kultur nicht zu-, sondern abgenommen hat, 
und es ist kein Zweifel, daß er in weiten Schichten gerade der 
männlichen Bevölkerung heute bei uns direkt verkümmert ist. 
Nur bei Frauen und Künstlern ist dieser Sinn heute noch stark 
entwickelt; es geht aber durchaus nicht an, beim Menschen 
etwa die Farbenverwendung der weiblichen Toilettenkünste, wie 
bei Tieren, auf die Bewerbung zurückzuführen, denn jeder ge- 
nauere Beobachter unseres Lebens wird zugeben, daß sich die 
Frauen viel mehr in Rücksicht auf ihre Geschlechtsgenossinnen 
schmücken als für den Mann, der nur selten ein wirklicher 
Kenner dieser Künste ist. 
Als eine Reaktion gegen diese allgemeine Verkümmerung 
des Farbensinns ist in erster Linie die in neuer Zeit so stark 
auftretende Bewegung in Kunst und Leben für die Farbe zu 
erklären. Einzelne besonders visuell-sensorisch veranlagte In- 
dividuen haben diesen Mangel der anderen erkannt und sind 
mit großer Energie für das Daseinsrecht der Farbe eingetreten 
Die ganze Entwicklung der modernen Malerei im 19. Jahr- 
hundert, besonders der sog. Impressionismus, ist durch diesen 
Willen zur Farbe charakterisiert. 
Nun hätte ja dieser Typus in der Ornamentik und ver- 
wandten Kunstzweigen sein eigenstes Gebiet; aber dieses König- 
reich ist ihm zu klein, und so hat er vor allem sich auch ge-
        

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