Volltext: Kunst und Künstler Spaniens, Frankreichs und Englands bis gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts (Abth. 3)

4  JEAN 
GREUZE. 
 
heute fagen müffen. Denn nicht um die ruhige Schilderung des wirklichen Lebens, 
welches in der fchlichten, naiven Echtheit der Situation feine ergreifende Wirkung 
übt, handelt es fich bei ihm, fondern er wendet {ich mit ganz beftimmter Tendenz 
an das Herz der Menge, die er ergreifen, rühren, erbauen will. 
Im Leben YVattearfs ift eingehender darauf hingewiefen worden, wie man in 
Frankreich feit der Renaiffancezeit in Literatur und Kunft die Geftalten der 
antiken Götter- und Heroenwelt mehr und mehr als bequemen, auch ohne 
eigenen Kraftaufwand des Künftlers allgemein verftändlichen Ausdruck für be- 
itimmte Charaktere einbürgerte, und dafs dies endlich dazu geführt hatte, 
dafs die franzöfifche Malerei mit Vorliebe uantike Stoffen auffuchte. Für das 
Hiftorienbild ift dies felbftverfländlich; aber auch das Sittenbild bewegt fich in 
der Schilderung von allerhand mythologifchen und bucolifchen Anekdoten mit 
ihren ewig lächelnden und ewig liebelnden Venus- und Amor-, Nymphen- und 
Hirtengeftalten. Waren doch die Ideale des damaligen Menfchengefchlechtes in der 
That zum guten Theil in diefer leichtlebigen Genufswelt befchloffen. Dafs freilich 
das wirkliche Leben grell damit contraftirte, konnte jeder Einzelne täglich an den 
grofsen und kleinen Sorgen des Alltagsdafeins abmeffen. Gerade deshalb aber 
forderte die franzöfifche Anfchauung  im Gegenfatz zur holländifchen  von 
der Kunft die fchöne Täufchung; bis dann mit dem Umfichgreifen der ratio- 
naliitifchen und naturphilofophifchen Ideen mit ihren nüchternen Utilitätsdoctrinen 
plötzlich das Lofungswort ertönte: Nicht ergötzen; belehren, beffern foll die 
Kunft; Vorbilder fchaffen den Guten zur Erhebung und Begeifterung, zum 
warnenden Beifpiel den Schlechten! 
aMoralifche Erzählungen in Bildern gebenv, ift etwa der Kern deffen, was 
Diderot vom Maler verlangt. Er zuerft hat in der Literatur diefe Forderung 
geitellt, die durch etwa ein Menfclienalter ihr Wefen trieb, Greuze zuerft fie ver- 
wirklicht. Und fo fehr fprachen Beide damit den allgemeinen Gedanken der Zeit 
aus, fo fehr war man überfättigt von dem ewigen Götterfrühling, dafs das Publikum, 
Welches noch eben einen Boucher und Grecourt gefeiert, fofort den Neueren zufiel, 
jetzt ihr fo entgegengefetztes Streben mit reichftem Beifall lohnend. 
Im Wefen des lehrhaften Tones, den Greuze anfchlug, fchon lag es bedingt, 
dafs er bei allem Streben nach Naturwahrheit diefe Wahrheit doch möglichft zu- 
gefpitzt auffuchte. Dafs er ihr freilich damit bereits wieder ein gut Theil ihrer 
Allgemeingültigkeit raubte, kam ihm nicht zum Bewufstfein. So fehlt feinen 
Bildern jenes erfte Kriterium alles objectiven liebevollen Verfenkens in die Natur: 
das Naive, die Unbefangenheit. Nicht deshalb, weil fein Künftlerauge nicht anders 
kann, fucht er die Wahrheit, fondern als das Refultat moralifch-philofophifcher 
Reflexion Pcrebt er nach der Natürlichkeit. Das liebevolle, möglichft vorurtheils- 
freie Verfenken in die Schilderung des ruhig dahin fliefsenden Dafeins, wie wir 
es bei Metfu, Terborch, van der Meer, Dou u. A. finden, genügte jetzt eben fo 
wenig, wie der lebensfrohe Humor eines Brouwer, Teniers, Steen, Oftade. Greuze 
fucht mit Vorliebe Kataftrophen des häuslichen Lebens auf, oder aber dick auf- 
getragene Schilderungen häuslichen Glückes; und in beiden Fällen foll der mit 
didaktifchem Hintergedanken gewählte Titel die Abficht des Künitlers noch ver- 
ftärken. So entftanden Bilder wie: (iDes Vaters FlLlClln, aDes Vaters Segenn,
	        
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