Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der schöne Mensch in der Kunst der Neuzeit
Person:
Hirth, Herbert Bassermann-Jordan, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2098003
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2098706
(TAFEL 
DER 
SCHÖNE 
MENSCH. 
Charakter des harten Metalls so gemäss ist. Das 
Metall dient Rodin mehr dazu, dem, was er in dem 
vergänglichen Thone rasch geschaffen, Dauer zu 
verleihen. Seine Liebe gilt dem Marmor. Man 
könnte ihn in seinen Steinliguren den Plastiker 
des Helldunkels nennen, und an diesem Punkte 
trifft er mit Michelangelo zusammen. Wie auf 
Rembrandts Bildern aus der dunklen Nacht die 
einzelnen Gestalten hell herausleuchten, so bei 
Rodin und manchmal auch bei Michelangelo die 
Formen aus dem formlosen Marmor. Aber auch 
hier treffen wir wieder das Unterscheidende: bei 
Rembrandt ist jener Effekt das Mittel, einen Raum 
aus möglichst einfachen Faktoren aufzubauen, in- 
dem das Licht uns den Weg zeigt, auf dem wir 
den Raum mit dem Auge durchdringen sollen; 
bei Michelangelo leuchten alle wesentlichen Formen 
des Körpers aus dem Marmor hervor und die ge- 
drängte Anordnung bewirkt die höchste Kraft der 
Sichtbarkeit. Bei Rodin ist auch hier wieder das 
Einzelne wichtiger wie das Ganze und jener Effekt 
des Materials ist für ihn mehr Selbstzweck: der 
Reiz der dem Marmor abgerungenen lebendigen 
Einzelform ist ein Hauptziel seiner Marmorkunst. 
Ob der Eindruck, den das Auge durch die eine 
Form empfindet, in dem andern seine Weiterleitung 
findet, so dass das Ganze sich zusammenschliesst, 
das ist für Rodin nicht so wichtig. So giebt er 
uns das eine Mal einen wundervoll aufgefassten, 
Weich modellierten Rücken in komplizierter Ver- 
schiebung aller Teile (Nr. x72). Gegen die Moti- 
vierung der Bewegung ist er nicht weniger gleich- 
gültig wie gegen das harte Eck des Hüftknochens; 
so wirkt das Ganze in dieser Ansicht wie eine 
Rückenstudie in Marmor, und doch ist das nicht 
gemeint, denn die anderen Teile existieren ja 
ebenso. Ein anderes Mal giebt er uns die Gruppe 
von zwei sich Umarmenden; als Geste ungemein 
wahr empfunden und in den einzelnen Bewegungen 
voll von unmittelbarem Leben, kommt das Ganze 
doch zu keiner rechten Erscheinung, da eine An- 
ordnung der Teile im Hinblick auf einen Gesichts- 
eindruck fehlt; erst wer um die Gruppe herumgeht, 
versteht die Geste ganz. Darin liegt ein seltsamer 
Widerspruch gegen die natürliche Entstehung einer 
aus einem Marmorblock herausgehauenen Gruppe, 
bei der die verschiedenen Ansichten sich erst als 
Konsequenzen der einen festgehaltenen Haupt- 
ansicht ergeben. Auch die Marmorwerke Rodin's 
sind in Thon erfunden, nur im Hinblick auf den 
Effekt des Marmors (Nr. 171). 
Man kann sich nicht denken, dass R0din's 
Figuren sich in irgend einen architektonischen 
Zusammenhang einfügen können; sie gebärden 
sich zu selbständig, jeder einzelne Teil fühlt sich 
zu wichtig. Dadurch mangelt ihnen aber ein gut 
Teil der künstlerischen Wirkung. Sie sind kein 
Schmuck, und deshalb linden sie schwer eine 
Heimat, wenn nicht in den Asylen der Heimat- 
losen, in den Ausstellungen, oder in den Museen. 
(Dr. W. Riezler.) 
170. AUGUSTE RODIN, Paris (geb. 1840). JO- 
hannes der Täufer. Im Musee du Luxembourg in 
Paris. Französische Bronzeplastik. 1882 im Salon in 
Paris ausgestellt. Vgl. Nr. 169. 
 171. AUGUSTE RODIN, Paris (geb. 1840). Der 
Kuss. Französische Marmorplastik. Phot. A. Giraudon 
in Paris, Vgl. Nr. 169. 
172. AUGUSTE RODIN, Paris (geb. 1840), Die 
Quelle. Französische Marmorplastik. Vgl. Nr. 169. 
173. PAUL ALBERT BARTHOLOME, Paris 
(geb. 1848). Grabdenkmal auf dem Friedhofe 
Pere-Lachaise in Paris. Mittlerer Teil. Französische 
Plastik. Vom jahre 1892. Das ganze Werk 1895 
vollendet. 
Der Aufbau des Grabmales erinnert an die 
Facade eines ägyptischen Tempels.  DurCh das 
Mittelthor schreitet ein junges Paar über die 
Schwelle des Todes. Noch spielt das Tageslicht 
auf den nackten Körpern, während sie der Nacht, 
dem Ungewissen entgegengehen. Beide Gestalten 
sind aufgerichtet, die einzigen an dem ganzen 
Denkmal, rechts der Mann, das Haupt zwar leicht 
gebeugt, aber ruhige Fassung in der ganzen Hal- 
tung. Links tastet sich die Frau an dem kalten 
Felsen weiter. Die Rechte auf den Gefährten 
ihres Lebens gestützt, neigt sie das Haupt zurück, 
geblendet von der hereinbrechenden Finsternis. 
Zwei Menschen, die den Lebensweg gemeinsam 
gingen, ist das Glück beschieden, gemeinsam auch 
in den Tod zu gehen, und das Leid, von der Welt 
zu scheiden und ihren Freuden, die man bewusst 
genossen, und das Grauen, in jenes Land zu gehen, 
aus dem niemand den Rückweg fand, wird ge-
        

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