Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der schöne Mensch in der Kunst der Neuzeit
Person:
Hirth, Herbert Bassermann-Jordan, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2098003
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2098409
(TAFEI 
DER 
SCHÖNE 
MENSCH. 
Zug zu verstehen, der ihnen gerade in der eigent- 
lichen Phase des Rokoko zumeist eigen. 
Namentlich bei den Figuren von Meissen, 
dessen Produktion am frühesten einsetzt, ist häufig 
eine ausgesprochen ornamentale Stilistik bemerkbar. 
Die Gestalten erscheinen geschwungen und gebogen 
wie Ranken, ein grosser Gesamtschwung durchzieht 
sie. In der Nachbarschaftdes krausen Rahmenwerks 
Wachsen sie natürlich und selbstverständlich hervor, 
erscheinen aus demselben Geiste geboren, wie dieses. 
Welcher flotte Wurf, welche schmiegsame Ge- 
schmeidigkeit in der Nymphe des Herbstes, die 
hier steht, als ein Beispiel für viele! Dies zärtliche, 
völlige Hingegossensein, die stilvolle Wendung des 
Halses, das freie, feinfühlig abgewogene Balancieren 
der Armel Etwas von dem, das die Italiener wDisin- 
volturaa nennen  wLosgelöstheita. Für italienische 
Kunst herrschte am Hofe Friedrich August II. von 
Kursachsen eine ausgesprochene Vorliebe; damals 
kamen jene schwungvollen Werke der spätitalieni- 
sehen Eklektiker nach Dresden, an denen die dortige 
Galerie so reich ist. 
    
Ruhendc Venus. Im Besitz von Georges Petit in 
Paris. Französische Tonskulptur des Rokoko. 
Die Venus des Rokoko ist weder, wie in der 
Hochrenaissance die reife, junonische Erscheinung, 
welche in ruhigem Behagen hingegossen die maje- 
stätische Gliederpracht zur Schau trägt, noch die 
herkulische, muskulöse Athletin, als welche der 
Hochbarock eines Pierre Puget die Göttin auffasste. 
Ueber beide Zeitalter hinweg reichen Anfang und 
Ende der ganz im grossen gefassten Renaissancebe- 
wegung, nämlich Frührenaissance und Rokoko, sich 
die Hände in der Vorliebe für die zarteren, tau- 
frischen Reize des knospenden Mädchenalters. Dort 
war es die Feinsinnigkeit eines noch jugendlichen, 
schüchternen Geistes, hier die Feinfühligkeit der 
Erben eines alten Geschlechtes, deren Nerven durch 
alle Einwirkungen der Kultur in dem Grade ver- 
feinert wurden, dass sie auf leise Reize am stärksten 
reagieren. Unruhig wälzt das junge Mädchen sich 
auf seinem Lager, zärtliche Liebessehnsucht schmach- 
tet aus dem entzückend naiven Backfischköpfchen, 
das eine der geschmackvoll einfachen Wellenfrisuren 
einrahmt, die den künstlich arrangierten Aufbau 
a la Fontange in der Mode ablösten. Die wogende, 
tlutende Behandlung, die in der Malerei so beliebt 
geworden war, hat auf die technische Behandlung 
auch in der Plastik ihren Einfluss ausgeübt. Die 
Zeit hatte, wie sie in der Dekoration den Stucco 
bevorzugte, auch in der Plastik Vorliebe für ein 
duktiles, weiches, breiartiges Material: den Thon. 
Weiche Wellenbewegung, der unmittelbare Zug 
und Druck der formenden Hand lassen sich ihm 
mitteilen. Das bedeutete viel für eine Kunstrichtung, 
welche so grossen Wert auf das Leben der Ober- 
fläche, auf die mit raffinierten Mitteln herbeigeführte 
sinnliche Illusion legte. Eine eigentliche Modellier- 
kunst, eine weitgehende Empfänglichkeit für die 
prickelnden Reize einer bravourvollen technischen 
Behandlung hat sich herausgebildet. 
Das Rokoko liebte das heitere, leichte Schweben. 
Wie in der Gotik stehen die Menschen nicht mehr 
fest auf der Erde. Sie sind sehr mobil und queck- 
silberig, sie tänzeln, als könnten sie jeden Augen- 
blick in die Lüfte sich erheben. Boucher lagert 
seine Schönen mit Vorliebe auf Wolkenkissen. Die 
Malerei greift zu den hauchähnlichen Techniken, zum 
Pastell, um den Eindruck des flüchtigen ätherischen 
Scheines zu erreichen, und selbst die Plastik sucht 
wie hier bisweilen den Eindruck zu ertäuschen, als 
würden ihre Gestalten von leichten Wolken empor- 
gehoben, so aller Erdenschwere bar ist ihr Liegen. 
Spiel und Schein ist das eigentliche Wesen des 
Rokoko. Seine glücklichen Kinder verlangten auch 
von der Kunst den Eindruck des Mühelosen, wie 
spielend Erreichten. Wie sie selbst nach der ab- 
geschliffenen Eleganz des äusseren Auftretens strebten, 
so schätzten sie auch in der Kunst die iiiessenden 
einschmeichelnden Formen, den glänzenden rhetori- 
schen Vortrag. Sie hatten keine Teilnahme für 
den ringenden Ernst, aber die lächelnde Gewandt- 
heit, mochte sie noch so oberflächlich sein, rief ihre 
Bewunderung wach. 
    
Merkur. Im alten Museum in Berlin. Französische 
Marmorskulptur des Rokoko. Von 1748. 
Was soeben über die technische Bravour der 
Rokokobildner, über ihre Freude an schwebende,- 
Erscheinung gesagt wurde, wird neuerdings bestätigt 
durch diesen Merkur Pigalle's, ein klassisches Werk 
der Rokokoskulptur. Der Weg vom Hermes des 
Praxiteles bis zu dieser völlig malerisch und thea- 
tralisch empfundenen Bravourschöpfung ist freilich 
ungeheuer weit.
        

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