Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerschule Antwerpens
Person:
Rooses, Max Reber, Franz/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2036778
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2042096
Hendrik Leys. 
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flüffigem Gold auf den Grund zeichnet; oben herrfeht dämmeriges Dunkel, 
unten warmes aber glanzlofes Licht. Die Figuren der Armen find gemüthlich 
in der Art Braekcleefs aufgefafst, die der Reichen romantifch aufgeputzt. Der 
Gegenftand erfcheint ganz unbedeutend, die Compofition ift lofe, die Farbe 
warm aber dunftig und unentfchieden. Leys taftete damals noch nach feinem 
Wege, unficher, ob er Genre- oder Hiftorienmaler werden follte, 0b er der 
NVirklichkeit oder der Fantafie folgen follte, aber augenfcheinlich bereits mehr 
zur letzteren hinneigencl. Schon in diefem erften gröiseren NVerke aber zeigt 
er jene noch weit über Wappers und felbft wohl über natürlichen Lichteffekt 
gehende NVärme des Tons, die jedenfalls von einer glücklichen Rückwirkung 
gegen die kalte und matte Malerei des I8. Jahrhunderts und der DavidTchen 
Schule Zeugnifs gibt. 
Die wHerftellung des Gottesdienftes in der Frauenkirche zu Antwerpenß 
welche die jahrzahl 1845 trägt, läfst fehon grofse Fortfchritte in derfelben 
Richtung gewahren. Es fteigert fich die Pracht des Beiwerks und das Streben 
nach malerifcher Auffaffung bereits wefentlich. .Die Kirche zunächft mit ihren 
llCll phantaftifch- durchfchneidendeh Gewölben und Pfeilern, die kunftvolle Aus- 
Pcattung, das Chorgefttihle im Renaiffanceityl, die gothifchen Kirchenfitühle der 
Kanzel gegenüber, die Kandelaber, Kniebänke, das Taufbecken, kurz Alles iit 
mit Vorliebe beobachtet und wiedergegeben. Auch der Lichteffekt ift kräftiger: 
durch die hohen Fenfter ergiefst fich ein Strom von {ilberigen Sonnenftrahlen 
mit blonden Reflexen; auf jedem Kopf, jeder Kleiderfalte, auf dem Paviment 
und auf den Kirchengerätheii funkelnd verbreitet er hier hellen Tag, und blendet 
dort Farbe und Form verzehrend in weifsem Glanze, gelegentlich in den Maffen 
einen rothen Fleck heraushebend und unter den weiten Bogen in allmälig ab- 
gefchwächtem Wiederfchein hinftetrbend. 
Auch das Studium der Menfchen hat fehr gewonnen. Die Scene {tellt 
eine Predigt dar, welche Gelegenheit gab, jeder Figur einen befonders ftudirten, 
gleichfam auf frifcher T hat ertappten Ausdruck zu Verleihen. Gläubige, Denker, 
'l"räumer, Gecken und gemeines Volk, alle möglichen Anwohner von Predigten 
find in ihrer charakteriitifchen Eigenart zur Schau geftellt. Der Prediger ift 
ein Fanatiker, der von feiner leidenfchaftlichen Schwärmerei verzehrt wird, 
und in der Welt nichts llCht als die Kirche, für welche er allein eifert. 
Eine neue Richtung Enden wir in dem vSeelengottesdienft für Barthcl 
"de P1326344 vom Jahre I8 54. Hier ift Alles viel ftrenger aufgefafst, nichts mehr 
geopfert um dem Auge zu fchmeicheln, im Gegentheil die Ungekünftelthcit 
durch eine fo einfache Anordnung erftrebt, dafs fie obwohl voll Kunft bis an 
Unfchönheit ftreift. Die Farbe hat die Oberhand über das Licht erlangt. Das 
Letztere ift gedämpft und abgefchwächt, die erPcere dagegen viel kräftiger und 
voller geworden. Fait jede Perfon trägt Kleider, deren verfchiedene Farben 
in hohen Tonen gegeben find, oder eintönige mit vollen Tinten. Dabei ift 
Alles mit weit gehender Gewiffenhaftigkeit beobachtet: jahrhundertelang pflegten 
unfere Maler Gewänder und Gegenftände zu malen, von welchen man felten 
die Natur des Stoffes errathen konnte; Leys ftrebte darnach Alles ganz in 
feiner eigenartigen Erfcheinung zu geben, und es gelang ihm in überrafchender 
Weife. Und nicht blofs die leblofen Dinge erhielten ihr eigenes naturgemäfses 
Gepräge, fondern den Geräthen, Gebäuden und auch den Menfchen ift der 
Stempel der entfprechenden Zeit tief aufgedrückt. Es ift wie eine Wiederer- 
weckung der Sitten der V orzeit und der altväterifchen Geftalteil, die aus den 
Gemälden von Maffys und Holbein herauszutreten fcheinen, um unferm modernen 
Mciftei" Modell zu Pcehen. 
Das vierte Stück, welches das Mufeum zu Brüffel von LeyS befltzt, ift
        

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