Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerschule Antwerpens
Person:
Rooses, Max Reber, Franz/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2036778
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2038215
Vriendt 
Frans 
Floris)  
(Frans 
99 
Dabei führte er und feine Schule in die niederländifehe Hiftorienmalerei 
einen Grundzug ein, der uns nicht entgehen kann. Die van Eyck und, die 
Ihrigen wie auch Maffljs hatten in ihren Stücken wenig Bewegung und wenig 
Handlung; bei den Brueghels war die Handlung zerfahren; feit Floris wird 
in der niederländifchen Kunft die Bewegung der Figuren angeftrebt und mit 
Eleganz von Haltung und Gruppirung verbunden. Man wollte nicht blos fchöne 
Menfehen darftellen, fondern auch Körper, die auf kräftige und paffende Weife 
thätig find und zufammenwirken. 
Das Stuck, welches Floris 15 54 für die F echterinnung machte und das bis 
1794 in der Frauenkirche auf dem Altar diefer Gilde hing, galt ftets als eines 
feiner Hauptwerke. Es hat den sEngelfturzi: zum Gegenftande und beitand 
früher aus drei Flügeln. Auf einem der Flügel. befand fieh das Bildnifs des 
Gildehauptmannes mit einem Haudegen in der Hand. Das Mittelbild ift erhalten 
geblieben und wird im Mufeum von Antwerpen (Nr. 112) bewahrt. 
Die Sehaar der Engel und Teufel iit dicht in einander gefehlungen. Die 
erfteren oberhalb haben lieh mit Speeren, Schwertern und Streithämmern auf die 
abgefallenen Geifter geworfen und ftofsen, Ptechen und fchlagen fie herab aus 
dem himmlifchen Wohnfitz. von welchem man ganz oben noch den feurig 
warmen Schimmer fleht. Die Verurtheilten fuehen fich zur Wehre zu fetzen, 
aber es ift als 0b eine unfichtbare Macht noch mehr als die Gewalt derEngel f1e 
ftürzen, verkriimmen und taumeln machte. Die Engel find die Liebliehkeit 
felbft, aber eine Lieblichkeit. die nicht mit wahrer Schönheit verwechfelt werden 
kann. Ihr Fleifch ift ivie aus rofe-nfarbenem Marmor gehauen, ihre Köpfe laffen 
an gebleiehte iiVachsfiguren denken, ihre Formen geftatten den Zweifel ob man 
männliche oder weibliche Wefen vor fieh" habe. Der Maler wollte fie zu Idealen 
körperlicher Schönheit und ebenmafsig entwickeltem Gliederbau machen. Zum 
Theil mit uberrafehendei- Wirkung. Wie hebt fich z. B. an dem emporgezogenen 
Knie des mittleren Engels die Kniefeheibe zart und weifs zwifehen den zwei 
hellen Muskelwellen ab, faft wie Marmor, und doch weich durch das gefchmei- 
dige Spiel des Schattens. Ist es nicht, als ob das Studium von Fleifch und 
Bein hier zur Poeiie, die feine Haut über der wohlgebildeten Geftalt zu einem 
mit dem Pinfel gefchriebenen Gedicht geworden wäre? Und nicht blos diefs 
Stück allein, fondern jeder Theil und jedes Theilchen des Stückes verkündigt 
dasfelbe. Bei den Engeln ift Biegung oder Verkürzung von Armen und Beinen, 
Hals und Händen forgfältig ltudirt, und auch bei den Teufeln lindet man die 
anatomifche Richtigkeit in nicht geringerem Maafse, nur ift bei den letzteren Alles 
fyftematifeh verhäfslicht, wie bei jenen verfehönert. Es find monftröfe Geftalten mit 
Menfchenleibern und Schweins, Affen- oder Ziegenköpfen mit Haarlocken aus 
Schlangen gebildet und mit Sehweifen oder Krallen. Ihr Fleifch ift blafsgrau 
oder braun, ftark abftechend gegen die rundlichen Linien, blühenden Wangen und 
das lockige Haar der Engel. Und doch fleht man auch bei den Teufeln deutlich 
des Künftlers Beftreben, den Körper zu analyfiren. Das trockene harte Fleifch 
der Verdammten läfst in feinen Erhöhungen die Muskel wie Stränge fehen, ihre 
Knochen zeigen fieh unter der Haut, ihre eckigen Geberden laffen das Gelenkfpiel 
ihrer Glieder feharf hervortreten. Zu verwundern ift, dafs van Mander, der fo 
grofses Wefen aus der Nachfolge der Italiener macht, nicht fchon hervorhebt, dafs 
Floris neben der Anatomie des Michel Angelo auch die Anmuth Rafaels nachzu- 
ahmen fuchte, und fo das, was erft die fpätern Italiener zum Gefetz erhoben, 
fchon bethiitigte, nemlich die Verbindung der höehften Eigenfchaften der zwei 
gröfsten Künftler zu einer neuen und vollkommenen Kunft. 
Was aber Floris ficher nicht anftrebte, das ift die Farbe und einige 
andere Eigenfchaften des alten Flandern beizubehalten. Wenn feine Körper nur
        

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