Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Einfluss der grossen Meister des fünften Jahrhunderts, Das vierte Jahrhundert, Die Hellenische Zeit, Die griechische Kunst unter römischer Herrschaft
Person:
Collignon, Maxime Baumgarten, Fritz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2017751
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2021391
ZWEITES 
BUCH : 
VIERTE 
JAHRHUNDERT. 
Polyklet das liebte, war schon eine alte Kunstübung, die Praxiteles in 
seinen jugendwerken erschöpfend sich zu Nutze gemacht hatte; sie 
befriedigte ihn jetzt nicht mehr. Sein Apollon Sauroktonos lehnt 
sich an einen Baumstrunk, und diese Stütze macht es möglich, die 
Gestalt ohne Rücksicht auf das Gleichgewicht aufzustellen und mehr 
Schwung in die Umrisse des Rumpfes zu bringen, die eine Schulter 
höher als die andere zu nehmen und die Ausladung der Hüfte recht 
deutlich anzugeben. Dieses reiche Linienspiel in den Umrissen be- 
deutet in der Plastik eine neue Errungenschaft, und man kann sich 
denken, wie glücklich es bei dieser zierlichen, in zwanglosem Spiel 
sich vergessenden Jünglingsgestalt zur Anwendung gelangte. Man 
hat viel darüber gestritten, ob es sich nur um ein Spiel handelt und 
also der Bildhauer die Absicht hatte, die göttliche Gestalt Apollo's 
zum Gegenstand eines Genrebilds zu machen; oder ob er vielmehr 
durch eine Zeichensprache, deren genauer Sinn uns verborgen bleibt, 
auf den Charakter Apollds als Sonnengott oder auf seine prophe- 
tische Bedeutung anspielen wollte I). Die wahrscheinlichste Annahme 
ist die, dass Praxiteles die Anregung zu seiner Statue durch ein 
altes Cultbild empfing, bei dem Apollo die Eidechse als Attribut 
neben sich hatte ; so hielt es ja auch Skopas mit seinem Apollon 
Smintheus, indem er in der Nähe des Gottes eine Feldmaus anbrachte. 
Praxiteles hatte die alte Vorstellung wieder aufgegriffen, indem er 
sie dem Geschmack seines überaus skeptischen Jahrhunderts mund- 
gerechter machte. Das Attribut völlig zu beseitigen, war schwierig; 
aber die Religion des vierten Jahrhunderts konnte sich mit einer 
sehr abgeschwächten Zeichensprache zufrieden geben, die sich zu- 
gleich mit den Anforderungen der Kunst vertrug. Unter dem Meissel 
des Praxiteles wurde aus Apollo mit der Eidechse ein junger Bursche, 
der einem kleinen, harmlosen Geschöpfe arglistig auflauert. 
Man kennt durch überaus zahlreiche Repliken einen ausruhenden 
Satyr, der ziemlich genau die charakteristische Bewegung des Apollon 
Sauroktonos, nur im Gegensinn, wiedergiebt. Visconti war der Erste, 
der in dem ruhenden Satyr ein Werk des Praxiteles erkannte; man 
kann seiner Ansicht nur beipflichten z). Unter der grossen Zahl von 
mehr oder weniger genauen Copien, die auf uns gekommen sind, 
I) Man Endet diese Deutungen zusammengestellt bei Rayet, a. a. O. 
Griech. Kunstmythologie, V, S. 237, und Furtwängler, Meisterwerke, S. 635. 
2) Visconti, Mus. Pio-Clem. II, p]. XXX. 
Overbeck,
        

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