Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
John Burnet's Principien der Malerkunst
Person:
Burnet, John Görling, Adolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2016087
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2017237
eingeführt, obgleich einigermassen verändert durch die Auffassung; der Venetianer, 
denen Rubens in dieser Hinsicht naoheiferte. Indess" wir diese grosse Kunst ver- 
folgen, müssen wir gestehen, dass wir unter grösseren Schwierigkeiten arbeiten, als 
diejenigen Künstler, welche in dem Zeitalter der Entdeckung jener Kunst geboren 
wurden, und deren kindliches Gemüth, deren Naivetät an diesen Styl gewöhnt war, 
die denselben als ihren natürlichen Ausdruck, als ihre Muttersprache erlernten. Sie 
waren gar nicht in dem Falle, sich vom guten Geschmack zu verirren; sie brauchten 
nicht durch überzeugende Belehrungen für eine günstige Aufnahme desselben vor- 
bereitet zu werden und es war keine ungeheuerliche Prüfung der Grundsätze jenes 
Geschmacks erforderlich, um ihnen die grossen, verborgenen Wahrheiten zu erweisen, 
auf Welche derselbe gegründet ist.  Wir in der Neuzeit sind darauf beschränkt, 
unsere Zuflucht zu einer Art Grammatik und zu Wörterbüchern zu nehmen, als zu 
den einzigen Mitteln, eineitodte Sprache wieder zum Leben zu erwecken. Von den 
Altenward durch Uebung und Gewohnheit gelernt, und auf diesem Wege vielleicht 
besser als durch- Grundsätze und blosse Vorschriften. (Hier liegt indess der Grund, 
weshalb der ursprüngliche Geist einer Schule, der durch die spatern Schüler grosser 
Meister nur nach den Aeusserlichkeiten seiner Erscheinung erkannt wird, nach und 
nach erlischt, dass die Nachahmung der diesem Geiste entsprechenden Eigenthüm- 
lichkeiten der Erscheinung in hohle Manier ausartet, womit der Ungesehmack und 
die natürliche Auflösung, der Tod einer Schule begonnen hat.) 
lGleicherweise unbestimmt und daher nichtssagend, wie der Ausdruck „C0lorit 
der grossen Meister", ist die Bezeichnung "Golorit nach der Natur". "Schaut die 
Nativ an," sagen die Kritiker, "Natur ist die treueste, walnste Lehrerin der Kunst." 
Diese Plmase ist in dem Munde eines Jeden, aber die Kunst, die Natur sehen zu 
 können, kann nur durch die Betrachtung der Werke der Kunst erlernt werden. 
Soll unser Urtheil durch eine dürre, unbestimmte, unbegründete oder falsch begründete 
Maxime die Richtung empfangen, so müssen Wir ein-Portrait von Denner, oder ein 
solches von einem anderen Meister, der die vollendetste Ausführung besitzt, den- 
jenigen von der Hand Tizian's oder Vandyk's vorziehen; und eine Landschaft von 
Vanderhejyden einer solchen von Tizian oder Rubens, denn die erstern sind sicher 
viel mehr- getreue Darstellungen der Natur, Veduten also. Nehmen wir eine Ansicht 
der Natur mit aller Treue der Camera obscura dargestellt und dieselbe Scene von 
einem grossen Künstler gemalt  wie unbedeutend und mittelmassigyvird das Eine 
im Vergleich mit dem Andern erscheinen, wenn die Wahl des Gegenstandes keine 
Entfaltung der Grösse zulässt.  
Unter den Malern und Kunstschriftstellern ist eine Maxime  wie Reynolds 
sagt  allgemein im Schwange und sie wird fortwährend hervorgesucht. Ahme der 
Natur nach, ist die unveränderliche Regel; aber ich kenne Niemand, welcher es 
erklärt hat, in welcher Weise diese Regel verstanden werden soll. Die Folge hiervon 
ist, dass sie Jeder in dem allgcmeinsten, banalsten Sinne nimmt, dass die Gegen- 
stände nämlich dann natürlich dargestellt seien, wenn sie ein solches Relief haben, 
dass sie als wirklich erscheinen. (Die Wirklichkeit schlechthin ist nicht das Ziel, 
welches die Kunst darstellt, sondern der schöne Schein der Wirklichkeit, die Wahr- 
heit im künstlerischen Sinne.) Es mag vielleicht auffallen, dass der allgemeine 
Sinn dieser Regel von der Nachahmung der Natur hier in Abrede gestellt wird;
        

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