Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der Anatomie für Künstler
Person:
Duval, Mathias Neelsen, Friedrich Carl Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1956005
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1959111
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Vorlesung. 
Fün fundzwaniigste 
Thätigkeit des anderen beeinträchtigt, d. h. man kann sehr 
wohl ihre gemeinsame Zusammenziehung bemerken.  Und 
wenn wir es uns überlegen, finden wir diese anatomisch 
mögliche Verbindung auch thatsächlich häufig vorhanden, 
trotz der Unvereinbarkeit der beiden ihnen entsprechenden 
Gemütsbewegungen. Inmitten eines schweren körperlichen 
Schmerzes, welcher eine unwillkürliche, unüberwindliche Zu- 
sammenziehung des Augenbrauenmuskels bedingt, findet eine 
heitere und starke Seele noch die Kraft zu lächeln. Um die 
Bestätigung hierfür in einem Kunstwerk zu finden, genügt 
es, das Antlitz des Seneka in dem Gemälde von Gior- 
dano (der Tod des Seneka, im Louvre) zu studieren. Ein 
ähnliches Beispiel gibt uns eine junge Frau, die eben Mutter 
geworden ist, und die noch zuckend vom Schmerz der Ent- 
bindung geteilt ist zwischen dem körperlichen Schmerz und 
der inneren Freude über das Kind, dessen sie genesen ist, 
und dem sie zulächelt. 
Diese letzteren Beispiele zeigen, dass die anatomischen 
Bedingungen bis zu einem gewissen Punkt vor denen, welche 
aus der Natur der Gemütsbewegungen sich ergeben, den 
Vorrang haben und dass eine Verbindung der Ausdrücke nur 
möglich ist, insoweit der Bau des Gesichtes es zulässt. Wir 
schliessen hier diese kurzen Bemerkungen über die Physio- 
logie des Gesichtes und würden beglückt sein, wenn es uns 
gelungen wäre, die Künstler zu überzeugen, dass im Spiel 
des Gesichtsausdruckes nichts Phantasie, Laune und Ein- 
gebung ist, dass vielmehr alles bestimmten festen Regeln 
unterworfen ist, die gleichsam die Rechtschreibung für die 
Sprache der Physiognomie bilden, und dass die möglichen 
Verbindungen zahlreich und mannigfach genug sind, so dass 
der Künstler volle Freiheit des Handelns behält, wenn er sich 
nach diesen Regeln richtet, so gut wie der Dichter die 
Regeln der Sprachlehre befolgt, ohne deshalb in dem Auf- 
schwung seines Geistes gehemmt zu werden.
        

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