Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1955238
Auch der Maler, der sich sonst doch mehr erlauben 
darf, scheitert hier. Das hat selbst ein Meister wie Gio- 
vanni Bellini erfahren. Man sehe seine allegorische 
Figur Nr. 236 in der Pinacotheca Contarini (Venedig, 
Akademie der bildenden Künste) an und frage sich, 0b 
man sie billigt. Oder sollte es hier die Absicht des Meisters 
gewesen sein, eine Schwangere darzustellen? Der kunst- 
geschichtliche Name der Figur, 1a nuda veritäz, würde dann 
passend mit nAufrichtigkeitu zu übersetzen sein. Es ist dies 
nicht unmöglich, denn sie hält ein londo in der Hand, in 
dem sich ein Männerantlitz spiegelt. 
Bei dem für Idealfiguren verwendbaren Modell müssen 
sich die beiden Längsdepressionen nach aussen von der 
Scheide der geraden Bauchmuskeln wiederfinden, welche 
ich beim Manne erwähnt habe. Nach unten zu gehen die- 
selben beim Weibe am besten in eine Art von vertiefter 
Fläche, in eine Art von ThalHäche aus, deren oberer An- 
stieg ein Kreisstück bildet, in dessen Centrum oder etwas 
darüber oder darunter der Nabel liegt. Diese Thalfläche 
wird seitlich nach unten von der Becken-Schenkellinie be- 
grenzt und in der Mitte folgt nach abwärts ein zweiter 
Anstieg, der Anstieg zum Schamberge, zum Mans I-Teneris. 
Die rundliche Erhebung um den Nabel wird durch 
eine hier bei den Weibern in der Regel vorhandene Fett- 
ablagerung bedingt, wie solche auch in dem Mons Veneris 
in grösserer oder geringerer Menge gefunden wird. Wenn 
der Künstler diese Conhguration festhält, so wird er sich 
am besten in den oft schwer verständlichen Formen zu- 
recht finden. 
Es muss indessen erwähnt werden, dass die Einsen- 
kung zwischen Bauch und Schamberg bei jugendlich schlan- 
ken Gestalten oft sehr flach ist, ohne dass dies als ein 
Fehler betrachtet werden kann. Bei der Anadyomene von 
Sandro Botticelli (Florenz, Ufficien) ist sie deutlich 
ausgeprägt, obgleich dieselbe sicher nach einem langge- 
wachsenen Modell getreulich copiert ist, aber an den Grazien
        

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