Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1955098
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Es braucht sich auch nicht jede Brust zuerst kegel- 
förmig zu entwickeln, um sich dann erst bei zunehmender 
Masse zu runden; sie kann sich von vornherein als rund- 
licher, anfangs niedriger Hügel hervorwölben. Eine solche 
Brust ist die der schönen, aber sehr verstümmelten Antike 
des Museums zu Neapel, welche unter dem Namen der 
Psyche bekannt ist. Da dieselbe uns hier nur als Beispiel 
dienen soll, so ist es für uns gleichgiltig, ob ihre jetzige 
Gestalt die ursprüngliche ist, oder 0b sie dieselbe einer 
späteren Ueberarbeitung verdankt w). 
Wenn man die verschiedenen Antiken aus der 
guten Zeit durchmustert, so wird man noch mancherlei 
Abweichungen finden, aber keine, die als fehlerhaft be- 
zeichnet werden könnte. Gerade was die Darstellung 
der Brust anlangt, ist das Feingefühl der Alten unüber- 
troffen, und an Modellen scheint es ihnen auch nicht 
gefehlt zu haben. 
 Bei C. Friederichs: vBausteine zur Geschichte der griechisch- 
römischen Plastilm, I. Gypsabgüsse des neuen Museums in Berlin, liest man 
auf Seite 353 mit Rücksicht auf an der Psyche vorgenommene Restanrations- 
arbeiten: vAusserdem aber ist eine rücksichtslose Ueberarbeitung wenigstens 
des Rumpfes der Figur vorgenommen worden, indem die beschädigten Theile, 
statt ausgebessert zu werden, einfach abgemeisselt wurden. Die Brust, nament- 
lich die rechte, ist dadurch ganz {lach geworden, auch die rechte Hüfte 
und das Gewand sind nicht unberührt gebliebennr Ich kann mich nicht 
auf meine Erinnerungen an das Original stützen, sie sind zu alt und zu 
verwischt. An einem guten, noch mit den Nähten versehenen Gypsabgusse 
finde ich keine deutlichen Spuren des Abmeisselns. Die Gestalt, wie sie 
ist, zeigt auch nichts, was zu einer solchen Annahme berechtigt. Dass 
die rechte Brust weniger hervortritt, als die linke, ist durch die Stellung 
gerechtfertigt. Vielleicht könnte man meinen, die erstere sollte ein wenig 
mehr zusammengeschoben sein, aber wenn hier ein Fehler begangen ist, 
so ist es ein solcher, der ebensowohl auf Rechnung des Autors, als auf 
Rechnung eines Bearbeiters gesetzt werden kann. Die Flachheit der Brüste 
im allgemeinen ist hier Attribut der Jugend. Wenn man die Figur als Psyche 
deutet, so sind diese Brüste für die poetische Auffassung der Gestalt jeden- 
falls geeigneter als die Halbkugeln, welche der Psyche der Farnesina zu- 
theil geworden sind. Hier ist mir der Anschluss an Apulej us immer 
zu eng erschienen. 

        

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