Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954720
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heisst nach der Streckseite, offenen Winkel macht. Letzteres 
ist es, was ich Ueberstreckung nenne. Es kümmert mich 
wenig, wenn man behauptet, dass ein gewisser Grad von 
Ueberstreckung normal sei. Allerdings wird man, wenn man 
an einer grösseren Anzahl von Menschen den Winkel misst, 
den Oberarmbein und Unterarmbein bei völliger Streckung 
an der Streckseite mit einander machen, nicht 180 Grad als 
Mittelwert finden, sondern einen geringeren, schon deshalb, 
Weil die keineswegs seltenen Fälle von beträchtlicher Ueber- 
streckung das Mittel beeinflussen. Aber solche Mittel sind 
schon für den Anatomen von zweifelhaftem Wert, den 
Künstler gehen sie nichts an. Er hat zu fragen, was unter 
dem überhaupt Vorkommenden das Schönste sei, und die 
Ueberstreckung ist entschieden unschön. Ich erinnere mich 
an die stattliche Gestalt eines ausgezeichneten Tragöden; 
sie unterstützte ihn sehr in der mustergiltigen Plastik seiner 
Bewegungen; aberjedesmal, wenn er im Affecte den Arm 
ausstreckte, wurde die Gestalt durch die Ueberstreckung 
des Armes entstellt. 
Namentlich unangenehm fallt die Ueberstreckung an 
kräftigen Männern auf. Erträglicher ist noch ein geringer 
Grad derselben an Kindern und jungen, zarten Mädchen, 
wo sie zwar auch die Linien nicht verbessert, aber gele- 
gentlich aufgesucht wird, um die Biegsamkeit des jugend- 
lichen Körpers charakterisieren zu helfen. 
Der zweite sehr häufige Fehler ist schiefer Ansatz des 
Vorderarmes. Wir müssen zunächst unterscheiden zwischen 
zweierlei verschiedenen Zuständen des gestreckten Armes, 
zwischen dem, bei welchem der Daumen der Hand nach 
auswärts gewendet ist, der sogenannten Supination, und 
dem, wo der Daumen der Hand nach einwärts gewendet 
ist, der sogenannten Pronation. Der anatomische Unterschied 
zwischen beiden liegt darin, dass in der Supination die beiden 
Knochen des Vorderarmes, das Ellenbogenbein und die 
Speiche, parallel nebeneinander liegen, während in der Pro- 
nation die Speiche das Ellenbogenbein in schräger Richtung
        

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