Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954533
Schönheit Anspruch machen, ist ein Fehler, den die neuere 
Kunst bei ihrer sklavischen Nachahmung des Modells leider 
nicht immer vermeidet. Es gibt eben bei uns eine grosse 
Menge hübscher und blühender Mädchen, welche diese 
Linie zeigen, und das verleitet die Künstler, sie nach- 
zuahmen. 
Sie kann, wo sie nicht durch das Alter bedingt wird 
oder durch eine Verzerrung des Gesichtes zum Lachen 
(sie wird auch als grosse Lachfalte bezeichnet), abhängen 
vom Hervorragen der Backenknochen, von einer zu grossen 
Breite der oberen Zahnreihe, gemessen von den vorderen 
Backenziihnen der einen Seite zu den gleichnamigen der 
anderen, oder davon, dass die oberen Zähne in der Weise 
schief gestellt sind, dass ihre Kronen nach vorne und 
nach aussen, ihre Wurzeln nach hinten und nach innen 
weisen. Diese Momente können einzeln oder vereinigt 
Wirken, und ausser ihnen kommt auch noch die Beschaffen- 
heit der Weichtheile, die mangelhafte Straffheit der Haut 
und die Vertheilung des Fettes in Betracht. 
Eine geringe Breite des Gaumens, von den Backen- 
zähnen der einen Seite zu denen der anderen gemessen, 
bildet in noch anderer Hinsicht ein wesentliches Moment 
für die Schönheit eines Kopfes. Sie bedingt und ist natür- 
lich bedingt durch einen nicht zu breiten Unterkiefer, bei 
dem es möglich Wird, dass er sich vom Halse nicht durch 
eine Terrasse absetzt, sondern dass auch ohne sehr reich- 
liches Fettpolster des letzteren die Wangenfläche zwischen 
Ohr und Mundwinkel continuierlich in den seitlichen Theil 
der OberHäche des Halses übergeht. Noch auffallender als 
an den meisten Antiken ist die geringe Spannweite der 
Zahnreihen an dem, dem Michel Angele zugeschriebenen 
sterbenden Adonis, der sich in Florenz im Bargello befindet. 
Der Mund, welcher dem Bildhauer als Modell für 
ideale Schönheit dienen soll, muss die charakteristischen 
Bewegungen, wie man sie an den Antiken sieht, deutlich 
zeigen und die Grenze zwischen der Haut und dem rothen
        

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