Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1955663
124 
kleinsten Querdurchmesser des Rumpfes, den man zwischen 
Hüftbeinkamm und Rippen findet. 
Man denke sich die medicäische Venus gerade auf- 
gerichtet, so wie sie Schadow in seinem nPolykleta ge- 
zeichnet hat. Dann betragen, die Länge der ganzen Gestalt 
gleich IOO gesetzt, die drei erwähnten Dimensionen nach der 
Abbildung obigen XVerkes: die Schulterbreite 25, der kleinste 
Querdurchmesser des Rumpfes I5'4, die Hüftbreite 20'5. 
Ich habe diese Masse nach der Abbildung gegeben. 
Es ist möglich, dass sich bei erneuerter Untersuchung des 
Diese Möglichkeit hängt wesentlich von der Biegsamkeit der XVirbel- 
säule und von der Energie der Streckmuskeln ab, ferner von der Gestalt 
des Brusttheiles der XVirbelsäule. Sie ist um so eher vorhanden, je weniger 
derselbe in seiner natürlichen Gleichgewichtslage nach hinten convex, 
nach vorne concav ist. Das in Rede stehende Kunststück, welches nach 
auf uns gekommenen Darstellungen schon im Alterthume von einzelnen 
Ganklerinnen gezeigt wurde, kann bei schwacher anatomischer Becken- 
neigung sogar leichter ausgeführt werden, als bei starker, denn je mehr 
Spielraum das Lignmzlztlznz ilio-fezrlorzzle für eine Rückwiirtsbiegung des 
Rumpfes gegen die Oberschenkel gewährt, um so geringer braucht die 
Krümmung im Lendentheile der Wirbelsäule zu sein. 
Biegsamkeit der YVirbelsäule ist sicher unter allen Umständen ein 
Yortheil für eine Gestalt und für alle ihre Bewegungen, aber sie ist unab- 
hängig von der Länge des Lzgamenlzzzzz iliaferlzorrzle und hängt vielmehr 
von der Beschaffenheit der Wirbel, ihrer Zwischenscheiben und ihrer 
Bänder ab, ferner von der Beschaffenheit des Brustkorbes, der Steifigkeit 
seiner Gebilde und dem YViderstande, welchen sie den Bewegungen der 
WVirbelsäule entgegensetzen. Kinder von etwa 6 Monaten biegen, wenn 
man sie auf den Bauch legt und sie, sich auf den Armen aufstemmend, 
den Kopf heben, den Brusttheil der YVirbelsäule concav ein, wie es der 
Erwachsene nicht vermag. 
YVer die Antiken vorurtheilsfrei betrachtet, wird mir beistimnien, 
dass die griechischen Bildhauer starke Beckenneigung nicht bevorzugten, 
weder an Männern noch an Weibern, wenn auch einzelne Figuren mit 
solcher vorkommen. Letztere sind hier weniger zahlreich als unter den 
Gestalten der Hochrenaissance. Andererseits betrachte man nur die zahl- 
reichen schönen Prolilgestalten auf Reliefs und auf Vasengemälden, bei 
denen Brust und Schultern nach rückwärts, Kopf und Becken nach vorwärts 
ausweichen, Die hier entstehenden Linien sind bei starker anatomischer 
Beckenneigung gar nicht zu erzielen,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.