Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954450
zeihe ihn mir, denn er ist zutreffend: der Künstler soll 
die Fehler in der menschlichen Gestalt kennen, wie der 
Pferdekenner die Fehler in der Gestalt des Pferdes kennt. 
Er braucht deshalb nicht einförmig zu werden, nicht seine 
Gestalten einem conventionellen Schema nachzubilden, er 
kann die Schönheit in ihren verschiedenen Erscheinungs- 
weisen aufsuchen. 
Welche ist nun die Schönheit, von der wir sprechen? 
Schön nenne ich diejenige Gestalt, welche sich in allen 
Stellungen und in allen Ansichten, soweit sie in der idealen 
Kunst überhaupt zur Anwendung kommen, vortheilhaft ver- 
wenden lässt. 
Ich habe mich hiemit auf einen rein künstlerischen 
Standpunkt gestellt, indem ich die Schönheit nicht abhängig 
mache vom subjectiven Gefallen am jeweiligen Anblick, 
sondern von einem viel bestimmteren Momente, von der 
allseitigen Verwendbarkeit in der idealen Kunst. Man hat 
viel gesprochen von sinnlicher Schönheit und schöner Sinn- 
lichkeit, aber wo die Sinnlichkeit als solche mit in Betracht 
gekommen ist, hat sie mehr geschadet als genützt. Sie war 
es, die in der italienischen Kunst die hohen Ideale weib- 
licher Schönheit mit dem Beginne des Verfalles der Kunst 
durch niedere ersetzt hat, und sie ist es noch heute, welche 
Maler und Bildhauer über die Fehler ihrer weiblichen 
Modelle hinwegsehen lässt. 
Ich habe gesagt, eine Gestalt müsse, um in unserem 
Sinne schön zu sein, in allen Stellungen und in allen An- 
sichten, welche in der idealen Kunst überhaupt zur Anwen- 
dung kommen, vortheilhaft verwendet werden können. Es 
ist dies dahin zu erläutern, dass sie in allen Stellungen, 
die in der idealen Kunst überhaupt vorkommen und in 
allen Ansichten gute Linien geben muss, denn die Führung 
der Linien ist das erste und wichtigste in jedem Kunst- 
werke, das höhere Ansprüche erhebt. Dass das Gefühl für 
Schönheit der Linien in neuerer Zeit so zurückgetreten 
ist, ja ich möchte sagen nur noch vereinzelt gefunden wird,
        

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