Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt
Person:
Brücke, Ernst Wilhelm Paar, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1954161
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1955524
IIO 
machen, von dem zweifelhaft ist, 0b es überhaupt vor- 
komme oder jemals vorgekommen sei. 
Unsere Künstler sind im vollen Rechte, an den Füssen 
die zweite Zehe länger zu machen als die erste, als die 
sogenannte grosse Zehe; denn das ist zwar bei dem jetzt 
lebenden Geschlechte nicht die Regel, aber es kommt vor, 
und zwar nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Er- 
wachsenen, und zwar bei Erwachsenen arischer Rasse, wie 
ich dies später nachweisen werde; aber an manchen An- 
tiken Endet man die Beckenlinie mit ihren einspringenden 
Winkeln einander auffallend stark genähert und so schroff 
und scharf eingeschnitten, dass der Künstler Bedenken 
tragen muss, sie nachzuahmen, so lange ein lebendes Para- 
digma dafür fehlt. NVohl aber soll der Künstler nach 
Modellen suchen, die sich dem antiken Schnitte annähern, 
und nicht einen Bauch darstellen, wie ihn zum Beispiel 
das Modell zeigte, welches Rembrandt zu seinem 
Christus vor Pilatus diente. 
Die Künstler der Renaissance und der Neuzeit haben 
sich verschieden verhalten, bald sind sie den Antiken, bald 
dem jetzt gewöhnlichen Typus gefolgt. Ersteres sieht man 
in auffälliger Weise am Perseus des B enven uto Cellini 
in der Loggia dei lanzi in Florenz und am Mars des 
Sansovino auf der Treppe des Dogenpalastes. Bei letz- 
terem ist der antike Schnitt missverstanden, indem sich 
die von der Hüfte kommende Linie in querer Richtung bis 
zur Scheide des geraden Bauchmuskels fortsetzt. Auch auf 
Handzeichnungen, welche Rafael zugeschrieben werden, 
findet man den antiken Schnitt. Später schlossen sie sich 
wieder mehr dem modernen Typus an, den sie vor Augen 
hatten. So entsinne ich mich nicht, an den nackten Männer- 
gestalten von Guido Reni den antiken Schnitt gesehen 
zu haben. 
In einer dem Andr. del Verocchio zugeschrie- 
benen Handzeichnung der Ufticien (Nr. 2) treten beide 
Linien, die naturalistische und die typische der Antiken,
        

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