Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1948491
Spezielle 
Knochenlehre. 
Haut glättet sich überdies oder legt sich durch das Spiel der Muskeln 
in Falten und steht durch ihren verschiedenen Spannungsgrad im Dienste 
der Mimik. Wie viel man von einem Kopfe hält, den eine hohe und 
breite Stirn schmückt, weiß jeder. Die Wissenschaft trotzt aber den ge- 
läuügen Vorstellungen des täglichen Lebens, wenn es sich um fest er- 
kannte Prinzipien handelt, und so verfahrt sie auch in diesem Falle. 
Gesichtsschädel ist ihr nur jener aus 14 Knochen bestehende 
Keil, der seine Basis von der Nasenwurzel bis zum Kinn er- 
streckt, und dessen stumpfe Spitze in der Gegend des großen 
Hinterhauptsloches liegt. Die Stellen, wo I-Iirnkapsel und Gesichtsschädel 
zusammenhängen, liegen innerhalb zweier Ebenen, welche von der Nasen- 
wurzel (Fig. 37) gegen den vorderen Rand des Hinterhauptsloches hinab- 
reichen. Die Ausdehnung des Gesichtsschädels ist in der Fig. 37 schattiert. 
Der wissenschaftliche Boden, auf welchen wir uns hier stellen, ver- 
langt, daß von der Betrachtung des Gesichtsschädels die Stirn, zunächst 
wenigstens, ausgeschlossen bleibe. Hirnschädel und Gesichtsschädel haben 
in ihrer ersten Anlage und in ihrem weiteren Wachstum einen gewissen 
Grad von Selbständigkeit. Der erstere ist schon viel früher in seinen 
Hauptformen erkennbar als der letztere. Sodann schreitet jeder dieser 
Teile unabhängig von dem anderen in seinem Ausbau weiter. Eigenartige 
Gestaltungen können auf dem Gebiete des einen sich entwickeln, ohne 
notwendig die Formen des anderen zu beeinflussen. Der Hirnschädel 
kann sehr groß sein  eine mächtige Stirn deutet auf reiche Entfaltung 
des Inhaltes  während das Gesicht unverhältnismäßig klein ist. Aber 
das Umgekehrte kommt häufig genug vor, ein großes Gesicht, die Backen- 
knochen und die zahntragenden Teile von einem über das Maß hinaus- 
gehenden Umfang  und darüber ein kleiner Hirnschädel mit niedriger 
oder flach zurückweichender Stirn. In beiden Fällen wird der Eindruck 
auf den Beschauer ein sehr verschiedener sein. Dort kann er den Ein- 
druck geistiger Kraft, hier den roher, ungezügelter Genußsucht hervorrufen. 
Selbst bei krankhaften Mißbildungen zeigt sich noch die Unabhängigkeit der 
beiden Abschnitte. Im Bereich des Gesichtsschädels können Hasenscharte und Wolfs- 
rachen die ganze Gestalt des häutigen und knöchernen Antlitzes verkümmern, während 
der naheliegende Hirnschädel, namentlich die an der Basis befindlichen Teile, nicht 
im geringsten von diesen Störungen ergriffen werden. Man hat umgekehrt schon das 
Schädeldach samt dem Gehirn bei neugeborenen Kindern fehlen sehen, und dennoch 
war das Gesicht regelmäßig entwickelt. 
Die Kenntnis der Massenverteilung des Gesichts- und I-lirnschädels 
giebt für Wissenschaft wie Kunst wertvolle Aufschlüsse über das archi- 
tektonische Prinzip in der Gestaltung des Kopfes. Deckt man an einem 
Schädel jenen Teil, der das Gehirn umschließt, so bleibt von dem 
knöchernen Gerüst ein verhältnismäßig, kleiner Abschnitt übrig, der die 
Knochen des Gesichtes umfaßt. In dem Übergewicht der menschlichen 
Hirnkapsel gegenüber dem Gesichtsschädel (Eig. 37) liegt der Vorzug des
        

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