Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1953223
536 
Zweiter Teil. 
Vierter Abschnxtt. 
die Beurteilung der charakteristischen Formen 
sind aber von eminenter Bedeutung für 
eines Kopfesß 
 Über Kanones, denen ein anderer Modul zu Grunde liegt. 
Die nach dem griechischen Kanon (acht Ko p fhöhen) entworfenen Figuren lehren, 
daß ihre Proportion eine ganz brauchbare ist, aber doch nicht mehr. Ein lebendiger 
Mensch dieser Art hätte etwas Plumpes, und inan würde wünschen, daß er etwas 
länger und freier aussähe. Darin liegt der Unterschied zwischen einer mit Hilfe des 
Kanon konstruierten, und einer auf Grundlage des Kanon frei entworfenen und mit 
künstlerischer Kraft gestalteten Menschenfigur. Man hat offenbar gemeint, es ließe 
sich nicht allein ein Kanon entdecken, der einen guten Maßstab für die Kenntnis der 
menschlichen Figur abgübe, sondern auch einen Kanon, der mehr leistete, der die 
Konstruktion eines Kunstwerkes gestattete. Die letztere Voraussetzung ist ein Irrtum; 
wo die praktische Brauchbarkeit irgend eines Kanon aufhört, hat die künstlerisch 
schöpferische Thätigkeit erst zu beginnen. Die Maße für eine richtig proportionierte 
Figur kann nach den obigen Regeln jeder auf das Papier oder die Leinwand werfen, 
eine künstlerisch vollendete Figur daraus zu machen, das wird nur dem Künstler 
gelingen. In Paris soll man aus einer Schlosserwerkstätte die Drahtgestelle beziehen, 
welche, nach einem bestimmten Kanon und in verschiedenen Größen hergestellt, in 
dem Modelliersaal der Pariser Akademie Verwendung finden. Ich weiß nicht, ob 
etwas Ähnliches auch schon anderwärts im Brauch ist, ich fände dieses Verfahren 
für Lehrer und Lernende gleich vorteilhaft, denn es ersparte Zeit imd Mühe und 
verunglückte Proportionen. 
Man hat sich, wie mir scheint, die Leistungsfähigkeit eines Kanon nicht immer 
mit vollkommener Oifenheit eingestanden, und die Schwierigkeiten nur zu oft in dem 
Modul gesucht; daraus erklärt sich die Jagd nach immer neuen Grundmaßen, ohne 
daß damit für den Lehrzweck mehr erreicht worden wäre. Vor lauter Proportions- 
schlüsseln traute man keinem recht. Bei ruhiger Prüfung wird man jedoch zu- 
gestehen müssen, daß jeder Kanon vor groben Fehlern schützt. Wenn überhaupt 
nur gemessen wird, mit welchem der verschiedenen Proportione- 
schlüssel ist völlig gleichgültig. Hier kann man dem Geschmack und der 
Laune den freiesten Spielraum gestatten. Hat doch jeder bedeutende Künstler sich 
seinen eigenen Kanon bewußt oder unbewußt gemacht, und seit Ansmscnr Dünen sein 
berühmtes Werk von der menschlichen Proportion veröffentlicht hat, ist es sonnen- 
klar, daß jeder Modul seine Berechtigung in einem besonderen Fall haben kann. 
Werden Menschen mit 6112 Kopfhöhen konstruiert, so sind sie eben klein und ge- 
drungen, solche von 8 und darüber sind groß und schlank, so wie sie es ja auch im 
Leben sind. Der griechische Kanon, wie jeder andere, ist eine durch Rechnung ge- 
fundene Abstraktion, die Menschen dagegen sind Individuen, groß und klein, dünn 
und dick, fett und mager aus der freien Werkstätte der Natur hervorgegangen. 
Dieser Wechsel ist ein großes Glück; wie einförmig wären Männer und Weiber, 
wenn alle nach dem Muster eines Kanon geformt wären. Um diese Freiheit innerhalb 
der Regel zu zeigen, ist eine Skizze Mrcnnnnnerrds (Fig. 255) in den Text eingefügt. 
Die 
Proportion 
des 
den 
Körper 
eingeschlossenen 
Skeletes. 
Die Proportion des Skeletes ist die nämliche wie jene des Lebenden, 
denn das Knoehengerüste bildet die feste Grundlage der ganzen Gestalt, 
dennoch sind in den Text auch Skeletfiguren an dieser Stelle eingefügt, 
1 Der für Qdas Gehirn notwendige 
eine größere Länge kompensiert. 
Wird 
Raum 
an 
solcher Form 
Schädeln 
durch
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.