Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1953219
Proportionslehre 
des 
menschlichen 
Körpers. 
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Nasenscheidewand und der Nasenspitze nach abwärts. Die untere Grenze 
dieser Zone (Fig. 254 Linie c) geht durch den Nasenstachel und durch 
die Unterkieferäste nahe dem Jochbogen. 
Die unterste Zone erstreckt sich von dem Nasenstachel bis zu 
dem Kiunrand (Fig. 254 zwischen c und d), umfaßt den Zahnfortsatz 
des Oberkiefers, den Zahnfortsatz des Unterkiefers, die beiden Zahnreihen, 
dazwischen die Mundspalte und den Körper des Unterkiefers. Die Mund- 
spalte liegt nicht in der Mitte der Zone, sondern höher, wegen der be- 
trälchtlichen Höhe des Unterkiefers in der Kinngegend. 
Mit dem Verlust der Zähne im Greisenalter erfährt die unterste 
Zone sehr bedeutende Veränderungen, welche in der Knochenlehre 
S. 93 ausführlich geschildert wurden. Die Zone wird beträchtlich nie- 
driger, und damit ist die eben geschilderte Proportion für das Greisen- 
antlitz gestört. 
Schädel von solcher Regelmäßigkeit, wie sie die Proportionslehre verlangt, sind 
nicht allzuhäutig in unseren anatomischen Sammlungen. Die Thatsachc, daß bei der 
europäischen Bevölkerung die Vertreter zweier ganz verschiedener Gesichtsformen in 
denselben Gebieten miteinander leben, und sich miteinander kreuzen, bedingt den 
großen Wechsel der Gesichtsformen und der Proportionen der drei Hauptabschnitte. 
Infolge der Kreuzung kann die Stumpfnase, die zu der Rasse mit kurzem und breitem 
Gesicht gehört, in das Antlitz der schmalgesichtigen Rasse gelangen, oder umgekehrt 
und das kann mit jedem einzelnen Abschnitt geschehen, mit dem Unterkiefer, mit 
den Augen, mit der Stirn u. s. w. Das Resultat der Kreuzung zweier Formen ist 
nicht einer chemischen, sondern einer mechanischen Mischung vergleichbar. Unter 
solchen Umständen ist aber das Ebenmaß gestört, und es läßt sich begreifen, daß ein 
aus dem Leben herausgegriifener Fall sehr beträchtlich von dem Schema abweichen 
kann. Je nach Rasse oder Individualität tritt der eine oder andere Teil aus dem 
durch die Durchschnittsgröße gegebenen Rahmen heraus, vergrößert oder verkleinert 
sich. Oft schwankt die unterste Zone. Das hängt in der Regel mit der Bewaünung 
der Kiefer zusammen, die Zahnkronen stehen z. B. nicht senkrecht, sondern schief, 
so daß die Lippen schon bei leichtem Öffnen die Zahnreihen in weiter Ausdehnung 
hervortreten lassen. Es entsteht so eine europäische Prognathie (Vorstehendes 
Kiefergerüstl. In anderen Fällen geht die Entwickelung mehr in die Breite. Die 
Zahnreihen des Unter- und Oberkiefers beschreiben einen weiten Bogen, die Knochen, 
welche dieselben tragen, sind stark entwickelt, und dadurch erhält der unterste Ab- 
schnitt des Gesichtes eine Wucht, welche zu der Entwickelung der übrigen Gesichts- 
knochen in einem Mißverhältnis steht. Doch auch der mittlere Abschnitt kann eine 
große Unabhängigkeit zeigen, wodurch die Höhe desselben entweder hinter dem nor- 
malen Maß zuriiekbleibt, oder dasselbe überschreitet; selbst die Stirn, die oberste 
Zone, ist individuellen und Rassenänderungen ausgesetzt. Bei der Niedrigkeit des 
Hirnschädels, der Chamaecephalie. ist die Stirn nieder, weil der Scheitel abge- 
flacht und wie von oben plattgedriickt ist. Diese eigenartige Schädelform ist von 
R. VIRCI-IOW in ihrer ethnologischen Bedeutung erkannt worden. Sie kommt am 
häufigsten im Bereich der früheren friesischen Lande vor. Nachdem diese Form in 
hohem Grade charakteristisch ist, konnte sie auch den scharfbeobaehtenden nieder- 
ländischen Malern nicht entgehen. An Porträten begegnet man zuweilen niederen 
Stirncn und flachem Scheitel, welche aus dem Rahmen der oben angeführten Pro- 
portionen heraustreten. Solche Köpfe entsprechen nicht den idealen Proportionen,
        

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