Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1953044
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Zweiter Teil. 
Dritter Abschnitt. 
Mechanik der Stellungen und der Ortsbewegung, 
Haltung, bei welcher die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und der Kopf in die hohle 
Hand gelegt wird. Kinder entdecken von selbst diese Stellung und sie ist bei ihnen 
so häufig zu sehen, daß sie geradezu charakteristisch ist. Auf dem berühmten Werke 
RArnAnUs, der Sixtinischen Madonna, stemmt einer jener Engel am Fuße des Bildes 
seine Hand gegen das Köpfchen und in den lieblichen Darstellungen von Kindern 
anderer Meister giebt es viele Varianten ein und derselben Erscheinung. Nicht 
Laune treibt das Kind dazu, Kopf und Rumpf zu stützen, sondern die Ermüdung 
der Riickenmuskeln, welche durch die Schwere des Rumpfes bedingt ist. 
Eine andere Form der vorderen Sitzlage ist möglich durch Aufstemmen des 
Armes auf den Oberschenkel, wie es die Figur 250 darstellt. Der Rumpf ist in 
geringem Maß vornüber gebeugt, weil das rechte Bein so hoch gestellt ist, daß es 
den rechten Ellbogen leicht erreicht. Der Körper ist gleichzeitig nach rechts geneigt, 
weil eben der rechte Arm das rechte Bein zur Stütze sucht. Das linke Bein ist ge- 
streckt, ihm ist weniger Last übertragen, die Hauptmasse des Gewichtes ruht viel- 
mehr auf dem rechten Sitzhöcker. 
Die hintere Sitzlage ist durch das Niedergehen der Schwerlinie hinter die 
Sitzhöcker charakterisiert. Das Hintenüberfallen wird verhindert durch Anlehnen. 
So liegt man in einem Armstulil mit geneigter Riicklehne, die Beine gestreckt; sie 
stützen sich auf den Boden, um im Falle des Abrutschens zum Stemmen parat zu 
sein, oder sie sind übereinander gelegt. 
Das Liegen. Es giebt verschiedene Erscheinungsformen des Liegens: der Schwer- 
kranke im Zustand der Entkräftung liegt "anders, als der Schlafende, auch wenn beide 
in derselben Lage sich beünden. Bei den Schwerkranken ist die Spannung der 
Muskeln fast vollständigaufgehoben, die Glieder folgen dem Gesetz der Schwere, bei 
dem Schlafenden besitzen dagegen die Muskeln einen beträchtlichen Grad von Span- 
nung, wobei die Neigung zu Beugestellungen besonders hervortritt. Schon Bonnnm 
hat angegeben, daß während des Schlafes die Glieder eine Neigung zu leicht ge- 
beugter Haltung haben, aber auch der Rücken und der Nacken haben diese Neigung. 
Man sieht Schlafende, die in der Seitenlage ganz in sich zusammcngekrümmt, mit 
gebeugten Armen und an den Leib heraufgezogenen Beinen. 
Die Bewegungen des menschlichen Körpers bieten einen reichen Wechsel und 
spielen sich vor unseren Augen in unendlichen Verschiedenheiten ab. Es sei nur 
an den Tanz erinnert, der bei den Europäern, wie so vieles, der Mode unterworfen 
ist. Im Beginn dieses Jahrhunderts liebte man die graziösen und gemessenen Schritte, 
jetzt wird ein lebhafteres Tempo beliebt und zahllos sind die Varianten bei den 
Naturvölkern. Bei dem Tanz bewegt sich der Körper frei. Es giebt aber noch eine 
sehr große Reihe von Bewegungen, wobei der Körper sich in einem Kampf mit 
mechanischen Widerständen beündet: wie das Tragen, das Heben, das Niederlassen, 
das Ziehen, das Drücken von Lasten. Dazu kommen Bewegungen, welche man mit 
dem Namen Hieb, Stoß und Wurf bezeichnet. Endlich hat sich die ideale Kunst 
noch eine Aufgabe gestellt, welche von der Natur nicht gelöst ist, nämlich fliegende 
und schwebende Gestalten zu bilden, auf welche, wenn man sie sich als 
existierend vorstellt, entweder die Schwere keine Kraft mehr ausübt, oder welchen 
ein Bewegungsapparat (Flügel) angedichtet ist. WVir müssen uns mit dieser Andeu- 
tung begnügen, und verweisen auf Hnnnnss und H. v. Mnrnn, welche diese Bewegungs- 
arten und die dabei in Betracht kommenden Schwerpunktsfragen berücksichtigt haben, 
und auf einige neuere Schriften, welche den Weg zeigen, auf dem wir neue und un- 
erwartete Aufschlüsse erlangen werden. 
HARLEss a. a. O. III. Buch.  H. v. MEYER, die Statik und Mechanik des mensch- 
lichen Knochengeriistes. Mit 43 Figuren in Holzschnitt. Leipzig 1873.  L. Ouvrsn, 
La photographie du mouvement. Revue scientifique 23 Dec. 1882. Nr. 26. Mit Photo-
        

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