Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1952987
512 
Zweiter 
Teil. 
Dritter Abschnitt. 
neuer Stützpunkt gewonnen; man ist nach vorwärts gefallen, aber zum 
Glück auf die eigenen Füße oder vielmehr auf das neue Standbein. Jetzt 
macht man das Bein, welches früher Spielbein war, zum Standbein. 
NVährend dieser Phase ergiebt sich derselbe Wechsel der Bewegungen im 
Kniegelenk: anfangs wird es noch etwas mehr gebeugt, darauf gestreckt 
und zuletzt, bevor es den Boden verläßt, wieder gebeugt. Neigt man 
aufs neue den Körper nach vorn, und läßt das andere Bein nach vor- 
wärts schwingen, setzt es dann auf, so ist ein neuer Stützpunkt ge- 
wonnen u. s. w. Das Gehen ist also gewissermaßen ein fortwährendes 
Fallen nach vorn, was immer dadurch verhindert wird, daß das vorwärts 
schwingende Bein einen neuen Stützpunkt herstellt. 
Dabei wird der ganze Rumpf gleichzeitig auch in die Höhe gedrückt, 
er und mit ihm der Schwerpunkt beschreiben einen leichten Bogen nach 
oben, und zwar ebenso hoch als der Fuß durch seine Streckung die 
Körperlast emporgedrückt hatte; dann aber beginnt dieselbe wieder nach 
vorn hinabzusinken. Von jenem Augenblick an, in welchem die Er- 
hebung geschah, übernimmt das Standbein gleichzeitig die Balance des 
ganzen Körpers. So wiederholt sich derselbe Vorgang während der ganzen 
Dauer der Bewegung. Die Arbeit der Beine ist also abwechselnd immer 
dieselbe. Während das eine sich gegen den unnachgiebigen Boden 
stemmt und unterstützt, schwingt das andere freihängend, um in dem 
rechten Augenblick die Last auf seine Schultern zu laden und sie wieder 
sicher eine kleine Strecke weiter zu befördern. Die Zergliederung des 
Vorganges läßt die Kraftleistung der Beine sehr bedeutend erscheinen, 
wenn man bedenkt, daß immer nur eines die Fortbewegung der Last 
auszuführen hat. Wenn trotzdem die Ermüdung beim natürlichen Gang 
erst sehr spät eintritt, und wir das Gehen lange Zeit hindurch ertragen, 
so erklärt sich dies einmal durch die Ruhe, welcher die Beine abwechselnd 
hingegeben sind, indem das jedesmal schwingende Glied von der Luft 
getragen, ohne Muskelanstrengung bewegt wird und dann aus dem Um- 
stand, daß die Muskulatur der Beine ganz außerordentlich günstig für 
die Fortbewegung der Körperlast gebaut ist. Ein zweistündiges Stehen 
bei der Parade strengt mehr an, als ein doppelt so langer Marsch, 
weil die Beine niemals vollkommen entlastet werden. Das Kommando 
"rührt euch", wobei die Truppe sich bequem stellt und das eine Bein 
etwas von der Last befreit, gewährt keine so vollkommene Erholung, als 
jene Ruhe während des Gehens, welche durch die Teilung der Arbeit 
bedingt ist. 
Alle, denen die Kontrolle dieser veränderten Richtung am Rümpfe 
während des eigenen Ganges schwer fällt, mögen sich errinnern, wie 
schwierig es ist, Arm in Arm zu gehen, wenn nicht dabei gleichzeitig 
Schritt gehalten wird. Denn dann begegnen sich stets die regelmäßigen 
Schwankungen des Rumpfes und die Schultern stoßen aneinander. Ganz
        

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