Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1952945
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Zweiter Teil. 
Dritter Abschnitt. 
Solange die Schwerlinie zwischen die beiden Füße fallt, kann man kein 
Bein vom Boden aufheben, denn sobald dies geschieht, würde der Schwer- 
punkt nicht mehr unterstützt sein, und der Mensch würde nach der 
betreffenden Seite hinüberfallen. Wenn aber der Körper soweit auf die 
eine Seite herübergebracht ist, wie in Figur 247, dann ist das eine Bein 
frei und vermag verschiedene Verwendung erfahren. 
Das Gefallige jeder Körperstellung (die absichtlich für Ruhe be- 
stimmte ausgenommen) liegt in der anseheinenden Leichtigkeit, mit der 
sie verändert werden kann. Daher ist in der stehenden Figur 247 die 
Stellung gefallig, denn das Gewicht des Körpers wird hauptsächlich von 
einem Fuße getragen, während der andere so gestellt ist, daß er das 
Standbein leicht ablösen kann. 
Die Art der Stellung hat auch mimischen Wert. Die feste Stellung 
der Beine zeigt Mut oder Trotz; Das Vortreten deutet auf Verlangen 
oder Angriff. Das Zurückziehen zeigt Abscheu oder Furcht, das Knieen 
Demut, Unterwerfung. In den heftigsten Gemütsbewegungen rücken Hand 
und Fuß auf derselben oder der entgegengesetzten Seite, zusammen vor. 
Die Leidenschaften, die uns zum Gegenstande hinziehen, wie Liebe, Ver- 
langen, Zorn, Rache, veranlassen dieses Vorrücken zugleich mit Kopf und 
Leib. Der borghesische Fechter ist auch in dieser Beziehung lehr- 
reich, er zeigt das Vorrücken von Kopf und Leib, wobei jedoch die ein- 
ander entgegengesetzten Gliedmaßen ausgreifen, nämlich der linke Arm 
und das rechte Bein. Dabei ist das rechte Bein unter die Schwerlinie 
des vorgestreckten Rumpfes gestellt; ohne diese Position erhielte der Be- 
schauer den Eindruck des Stürzens. Bei der Figur 248 wird ein völlig 
unbefangener Beschauer, der sich zunächst an die bekannte Figur nicht 
erinnert, die Vorstellung erhalten, als sei eine nach vorn fallende Figur 
hier dargestellt. Denn nach allen unseren Erfahrungen muß ein, in solcher 
Lage befindlicher Oberkörper zur Erde stürzen. Erst dann, wenn man 
die durch Linien angegebene Richtung der Beine ins Auge faßt, fällt 
diese Vermutung fort, denn es wird sofort einleuchtend, daß das vordere 
Bein den Rumpf unterstützt. Bei dem Fechter ist dabei die Figur in 
dem Moment dargestellt, in welchem das Gewicht des Körpers von einem 
Bein getragen wird, während das andere so gestellt ist, daß es leicht 
ablösen kann. Wir wissen, daß jetzt im nächsten Moment das Standbein 
sich strecken und dann das andere zu einem weiteren Schritt nach vor- 
wärts schwingen kann. Das macht uns den Eindruck leichter Beweglich- 
keit und der vorgebeugte Oberkörper denjenigen des Vorwärtsstürmens. 
In einem direkten Gegensatz zu dem inneren Wesen des angreifen- 
den Fechters steht die Figur 249, "die eines fliehenden Mannes. Auch 
sein Körper ist vorgebeugt, auch der Schwerpunkt seines Rumpfes bedarf 
der Unterstützung, denn der rechte Arm, der 039111931- I-Ialt an einem 
breiten festen Gegenstand hat, kann den fallenden Körper nicht mehr
        

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