Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1952921
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Zweiter Teil. 
Dritter Abschnitt. 
sind jedoch sehr komplizierte Fälle, welche unsere Erfahrung zu beurteilen hat. 
Erinnern wir uns an einfache Bilder, z. B. an die verschiedenen Stellungen, welche 
eine Gruppe fröhlicher Genossen zeigt, die unter einem schattigen Baum gelagert 
ausruhen. Der eine sitzt an der Erde und hat sich gegen den Baumstamm gelehnt, 
der andere stützt den Oberkörper auf den wie eine Säule gestreckten Arm, und ein 
dritter benützt dieselbe Säule nur zur Hälfte und legt das Haupt in die Hohlhand. 
Die Absicht aller dieser Stellungen ist, den Schwerpunkt zu unterstützen. Dort hilft 
der Baumstamm das Gewicht des angelehnten Körpers tragen, und hier übernimmt 
es der Arm, den Rumpf vor dem Sinken zu bewahren. Beträchten wir die Darstellung 
einer solchen Gruppe auf einem Gemälde, so regt sich sofort der kritische Geist, 
wenn dem Künstler das Natürliche der Stellungen auch nur in einem Punkte mißlang. 
Der Schwerpunkt erleidet bei jeder Änderung der Stellung eine 
Verschiebung. Wir können uns ein deutliches Bild dieser Lageverände- 
rung an dem Schwanken eines Kahnes machen, sobald der darin Sitzende 
die Stellung ändert. Wer hätte sich nicht schon darüber gefreut, wenn 
der leichten Neigung des eigenen Körpers im Augenblick der ganze 
Naohen folgt und bald der eine, bald der andere Rand bis an den 
Spiegel der blauen Fläche niedertaucht. Das leicht bewegliche Element 
gestattet dieses ungefährliche Spiel, weil_ es doch wieder an allen Stellen 
den schwankenden Kahn stützt; aber bei der Bewegung des Menschen 
auf festem Boden, wenn hier der Schwerpunkt aus seiner Gleichgewichts- 
lage gestoßen wird, so kann er nur durch eine rasche, zweckent- 
sprechende Unterstützung vor dem gänzlichen Falle bewahrt werden. Bis 
zu welchem Grade von Geschicklichkeit wir es hierin schon als Knaben 
gebracht, zeigt die Schnelligkeit, Womit der unerwartete Stoß, der plötz- 
lich unseren ganzen Körper aus dem Gleichgewicht geschleudert hatte, 
durch ein paar Sprünge pariert wird. Aber es bedarf nicht des Hinweises 
auf solch außerordentliche Leistungen; üben wir doch die Verlegung des 
Schwerpunktes bei jedem Wechseln des Beines während des ruhigen 
Stehens! Stellen wir uns auf das eine, während das andere als soge- 
nanntes Spielbein nur leicht auf dem Boden ruht, so zeigt sich deut- 
lich, wie bei der Entlastung des Einen eine Korrektion in der Stellung 
des Rumpfes notwendig wird. Wir bewegen den Körper im Hüftgelenk 
und den Lendenwirbeln seitwärts und zwar ungefähr um 20 cm, gerade 
soviel als notwendig ist, um durch die Seitwärtsneigung den Schwerpunkt 
senkrecht über das unterstützende Fußgelenk zu bringen. 
Dasjenige Bein, auf dem nunmehr der Körper steht, heißt Stand- 
bein. Die Figur 247 zeigt jene Stellung, wie zahllose andere aus der 
alten und neuen Zeit, bei denen der Mensch auf einem Bein steht, um 
das andere unterdessen ausruhen zu lassen. Die Seitwärtsneigung des 
Rumpfes und die Verschiebung im Hüftgelenk sind in dieser Skizze meister- 
haft dargestellt. In solcher Stellung fällt also die Schwerlinie in die 
Sohle des Standbeines, während das andere, das Spielbein, nicht mehr 
zur Unterstützung des Körpers dient und frei ist für die Bewegung.
        

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