Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1952901
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Zweiter Teil. 
Dritter Abschnitt. 
schon lange an Geraten sich geübt hatte, vom Stuhl zum Tisch und 
wieder zum Stuhl gewandert und oft mit dem Rücken gegen die Wand 
gestellt worden war. Die Gefahr des Falles tritt immer ein, sobald der 
Schwerpunkt nicht genügend unterstützt ist. Solange das Kind noch 
nicht gelernt hat, die Gelenke hinreichend zu steifen und seine Muskeln 
so zu beherrschen, daß der aus dem Gleichgewicht geratene Schwerpunkt 
schnell durch den Muskelzug an seine frühere Stelle zurückgeführt wird, 
oder durch eine andere Position der Beine auch in seiner neuen Lage 
balanciert werden kann, erfolgt nach dem allmächtigen Gesetz der 
Schwere der Fall zum Boden, die nicht unterstützte Masse des Körpers 
fallt zur Erde. Durch viele mißlungene Versuche lernt das Kind endlich 
die beiden, aus mehreren beweglichen Stücken bestehenden Pfeiler, welche 
die Last des kleinen Körpers stützen, genügend zu steifen. Es müssen 
alle zwischen dem Rumpf und den Zehen liegenden Gelenke hinreichend 
fixiert werden, um das Abgleiten der Gelenkliächen, das Zusammenknicken 
der Beine zu verhindern. Die Willensimpulse müssen erst einen hohen 
Grad von Sicherheit und Genauigkeit erreicht haben, um dieser For- 
derung zu genügen. Erst dann, Wenn die Herrschaft über die Muskeln 
erreicht ist, vermag das Kind sicher seine Körperlast zu balancieren. 
Erwägt man die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die leichte Ver- 
schiebbarkeit der Gelenke, erwägt man ferner, wie unzahliche-Versuche 
notwendig sind für das kleine unerfahrene Wesen, so schwebt vor unserem 
Geist ein, wenn auch unvollständiges Bild von der enormen Schwierigkeit 
dieser Aufgabe. Sie ist den vierfüßigen Tieren um vieles erleichtert; 
denn dort hängt ja die Last des Körpers an vier Säulen. Bei dem 
Menschen ist der Schwerpunkt am unsichersten unterstützt, und es be- 
steht eine sehr geringe Bürgschaft für ein längeres Verbleiben in solcher 
Gleichgewichtslage. Man nennt deshalb diese leicht verschiebbare Gleich- 
gewichtslage „labiles Gleichgewicht" (von Zabilis, was leicht fallt). 
Die Schwierigkeit des Verharrens in der Gleichgewichtslage bei dem Stehen 
kann sich auch der Erwachsene wieder vergegenwärtigen, sobald er versucht, auf 
einer nur etwas schwankenden Unterlage, z. B. einem Schwebebaum, zu stehen. Dann 
befinden sich alle, denen auf ebener Unterlage sich nicht die geringsten Schwierig- 
keiten bieten, in der größten Gefahr, jeden Augenblick die Herrschaft über die Masse 
ihres Körpers zu verlieren. Bei dem Stehen auf den zwei unmittelbar voreinander- 
gesetzten Beinen nehmen wir auf dem Balken eine Stellung ein, die wir früher nicht 
geübt; wenn auch die hinreichende Steifung der Glieder gelingt, so sind doch die 
Muskeln nicht imstande, die Lageveränderungen des Schwerpunktes durch eine ent- 
sprechende Zugkraft völlig zu beherrschen. Sobald nun der Körper nicht mehr zur 
Achse des Schwebebalkens senkrecht steht, beginnt er zu fallen. Auf dem Wege der 
Erfahrung haben wir gelernt, noch mit anderen Mitteln als denen des Muskelzuges 
das Gleichgewicht des Körpers unter solchen Umständen wieder herzustellen. Wir 
haben unbewußt einen Schatz von Kenntnissen gesammelt, welchen wir praktisch 
verwerten, ohne jemals darüber nachzudenken. Wir machen in einem solchen Falle 
den entsprechenden Gebrauch von den Armen, wenn wir bald den einen, bald den
        

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