Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1952888
502 
Zweiter Teil. 
Dritter Abschnitt. 
der aufrechten Haltung ist der Mensch gerade in die Höhe gerichtet, 
die Schulterblätter sind angezogen durch die Aufrichtung des Rückens, 
der Brustkorb wird dadurch frei, die Respiration freier als vorher, die 
Schambeinfuge rückt tiefer im Vergleich mit der schlaffen Haltung und 
jeder, der sich in dieser Weise streckt, hat gegenüber der nachlässigen 
Haltung das Gefühl der Anspannung seiner Muskeln und damit ein 
Gefühl seiner Kraft. Man kann es schließlich soweit bringen, daß diese 
aufrechte Haltung, die dem Mann etwas Sicheres und Vollkommenes giebt, 
zur Gewohnheit wird und mit einem geringen Aufwand von Kraft aus- 
geführt werden kann. Bei dieser im übrigen ungezwungenen Haltung 
hat der Mann vier Unterstützungspunkte: die Fersenballen und die Zehen- 
ballen. Die militärische Stellung im deutschen Heere ist eine durchaus 
andere Art der aufrechten Haltung; denn bei ihr hat der Körper streng 
genommen nur zwei Unterstützungspunkte, die beiden Zehenballen. Die 
Absätze der Stiefel sind allerdings mit dem Boden in Berührung, aber 
der Mann steht auf ihnen nicht fest auf, weil der Körper etwas vorn über- 
geneigt ist, um am schnellsten in den militärischen Schritt übergehen 
zu können. Der Schwerpunkt des Körpers liegt bei der militärischen 
Stellung nicht in der Mitte des Fußviereckes (siehe die Fig. 245 gh), son- 
dern weiter vorn in der Mitte jener Linie, welche die beiden Zehen- 
ballen miteinander verbindet. Diese Stellung hat bestimmte Vorzüge 
für die Ausbildung der Soldaten, aber sie ist für sich betrachtet, unnatür- 
lich. Dasselbe gilt von der Haltung des Knies bei der militärischen 
Stellung. Sie besteht in dem "Durchdrücken", wobei der vierköpfige 
Strecker des Unterschenkels so stark wirkt, daß die Linie des Beines 
nach vorn konkav wird, soweit dies das vordere Kreuzband gestattet. 
Der Schwerpunkt des ungezwungen stehenden, menschlichen Körpers 
befindet sich zwischen dem ersten und zweiten Kreuzwirbel, in dem Durch- 
kreuzungspunkt der LinieSch und lm Figur 245. Selbst unter ungünstigen 
Umständen ergreifen wir die entsprechenden Mittel, diesen schwankenden 
Punkt zu unterstützen. Kein unbewußter Wille hat uns zum Erlernen 
dieser schwierigen Kunst getrieben, die Notwendigkeit, die harte Lehr- 
meisterin, zwang uns alle, mit Unverdrossenheit dieselben mühsamen 
Studien immer wieder zu beginnen, bis wir die genügende Fertigkeit er- 
reicht. Freilich ist die Erinnerung an diese erste und schmerzliche Zeit 
des Lernens längst verschwunden. Nur dann, "wenn wir ein Kind be- 
trachten, das den schüchternen Versuch macht sich zu erheben, sehen 
wir, wie in einem Spiegelbild, wieder die eigenen Anstrengungen vor uns 
und erkennen die Schwierigkeit jener Aufgaben, die wir schon im zarten 
Alter lösen mußten. Welch" langer Übung bedarf es nicht, um auf einer 
ebenen Fläche einfach zu stehen! Welches Schwanken, das in jedem 
Augenblick die Gefahr nahe legt, nach v0r- oder rückwärts zu stürzen. 
Und dieser Versuch wird doch erst dann gemacht, nachdem das Kind
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.