Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950934
Muskeln 
Kopfes. 
des 
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kugel durch völlig unzxveckmäßige Handlungen beeinflussen möchte. Alle diese Bei- 
spiele zeigen, daß der Zusammenhang selbst der entferntesten Teile unseres Körpers 
vermittelst der Nervenfasern in dem Zentralnervensystem ein außerordentlich inniger 
ist, und daß jeder äußere Reiz, ebenso wie jede in unserm Geist auftauchende Vor- 
stellung imstande ist, alle Organe, selbst die verborgensten, in Mitleidenschaft zu 
ziehen. Wer mit dieser Thatsache vertraut ist, und die Kompliziertheit der Kon- 
struktion des Nervensystems vor Augen hat, in welchem „ein Faden tausend Verbin- 
dungen schlägt", und zwar bei allen höher organisierten Wesen, vermag sich wenig- 
stens teilweise den überraschenden Zusammenhang der Gebärden klar zu machen. 
Während die Ausdrucksbewegungen, welche aus dem Prinzip der Assoziation 
analoger Empfindung oder demjenigen der direkten Innervationsänderung entspringen, 
dem Einiluß unseres Willens mit geringer Ausnahme entzogen sind, kann der Wille 
über die symbolischen Bewegungen eine bedeutende Herrschaft erlangen. Der Billard- 
spieler vermag die zweckloscn Bewegungen seines Körpers im Zaum zu halten, der 
Zornige die sämtlichen symbolischen Bewegungen, welche den Körper in Erregung 
versetzen, zu unterdrücken. Das laute Lachen der Kinder, das zwecklose Klatschen 
durch Aneinanderschlagen der Hände, das Springen und Tanzen, alle diese Ausbrüche 
der Freude, die wir an ihnen und an Naturmenschen sehen, können durch den Ein- 
iluß des Willens abgeschwächt werden, so daß nur noch vorübergehende Zeichen 
davon bemerkbar sind, welche dem unbefangenen Beobachter leicht entgehen können. 
Unser Geist besitzt also die bewundernswerte Fähigkeit, in eine Reihe von 
Reflexbewegungen hemmend einzugreifen. Die Physiologie nimmt ein Zentrum 
für diese Fähigkeit in dem Gehirn an und bezeichnet dasselbe als Hemmungs- 
zentrum. Wie alle Fähigkeiten unseres Geistes, so kann auch jene des Hemmungs- 
zentrums gesteigert oder geschwächt werden. Wir müssen uns hier mit dieser An- 
deutung begnügen, obwohl der Nachweis von der Existenz hemmender Kräfte sowohl 
für die Auffassung und richtige Beurteilung der Ausdrucksbewegungen, als für die 
praktische Menschenkenntnis von großer Wichtigkeit ist.  
Von kaum geringerem Wert ist in ersterer Hinsicht die Erkenntnis, daß die 
Ausdrucksbewegungen bei allen Menschen auf dem Erdenrund innerhalb geringer 
Schwankungen dieselben sind. Der Affekt der Freude, des Schmerzes, des Hasses, 
des Zornes u. s. w.  sie sprechen überall mit denselben Zeichen. Nur ist dabei zu 
beachten, daß der Ausdruck einer bestimmten Erregung nicht bei allen Menschen 
gleich deutlich ist. Er zeigt verschiedene Grade bei Kindern und Erwachsenen, 
Frauen und Männern, Kranken und Gesunden. Das Kind und der Naturmensch wird, 
ähnlich wie das Tier, durch die unmittelbaren Eindrücke beherrscht. Je reicher die 
geistige Entwickelung sich gestaltet, desto mannigfacher werden unsere Vorstellungen, 
und damit werden auch die Affekte und ihr Ausdruck beeintlußt, aber in ihrem Grund- 
ton nicht verändert, nur verschleiert. 
Wer sich mit dem Ausdruck der Gemütsbewegungen beschäftigt, dem wird 
endlich die Thatsache nicht entgehen, daß das Verhalten gegen die Aifekte und 
Begehrungen verschieden ist nach dem Temperament. Zu starken Atfekten neigt der 
Choleriker und Melancholiker, zu schwachen der Sanguiniker und Phlegmatiker. 
Dabei macht sich noch ein Unterschied in Bezug auf die Schnelligkeit des Wechsels 
bemerkbar. Die Melancholiker und Phlegmatiker halten den Affekt lange und zähe 
fest, schwelgen fort und fort in einer und derselben unangenehmen Vorstellung, 
immer neue gleich peinliche Giedanken wälzen sich nach, es scheint kaum ein Ent- 
rinnen möglich; der Sanguiniker und Choleriker ist dagegen stets zu raschem Um- 
schlagen von einer Stimmung in die andere bereit. Der Übergang vom Haß zur 
Liebe wird ihm leicht, er kann ihn zehnmal in einer Stunde fertig bringen. Auch 
diesen Grundton des Wesens im Porträt zum Ausdruck zu bringen, ist Aufgabe der
        

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