Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950929
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Siebenter Abschnitt. 
Entblößung der Zähne verbinden, als sollten auch diese zum Kampfe ver- 
wendet werden (Zähneiietschen). Als Gegensatz zu dem aggressiven 
Emporrecken des Halses, wie es dem Zorn und dem Mut entspricht, 
erscheint das Achselzucken, eine ursprünglich vielleicht dem ängstlichen 
Verbergen eigentümliche Gebärde, welche nunmehr Zweifel, Ungewißheit 
und verwandte Gemütslagen bezeichnet. Symbolisch sind ferner die Ge- 
bärden der Bejahung und Verneinung. Bei der ersteren neigen wir den 
Kopf vor einem fingierten Objekte, bei der letzteren wenden wir uns 
mehrmals von demselben ab. Der Billardspieler will oft die Richtung 
des Balles mit der Hand, dem Kopf oder dem ganzen Körper bestimmen. 
Zuweilen kann" man Personen sehen, welche, wenn sie irgend etwas mit 
einer Schere schneiden, ihre Kinnbacken in gleichem Tempo mit den 
Scherenblättern bewegen. Wenn Kinder schreiben lernen, so drehen sie 
häufig, sowie sie ihre Finger bewegen, die Zunge umher. Das Falten 
der Hände bei der Andacht gehört hierher. Der ausgestreckte Zeige- 
finger wird gewöhnlich erhoben beim Verweisgeben oder Warnen. Auch 
beim Nachdruck, den wir auf ein Wort legen, wird er gewöhnlich mit 
Energie zum Boden gekehrt, um das Dringende zu bezeichnen. 
Der Arm wird vorwärts geworfen bei Ausübung des Ansehens (beim 
Befehlen und dergleichen). Beide Arme werden weit ausgebreitet bei 
der Bewunderung. Beide werden vorwärts (und oft aufwärts) gehalten 
beim Anflehen um Hilfe. Beide fallen plötzlich nieder bei dem Fehl- 
schlagen eines Planes oder bei plötzlicher Verlegenheit. 
Es ist kaum möglich zu sagen, wie viele symbolische Bewegungen die 
Hände ausführen; der übrige Körper hilft zwar auch dem Redenden, 
die Hände aber sprechen selbst  sie fordern, geloben, rufen, 
entlassen, drohen, bitten, verabscheuen. Freude, Traurigkeit, 
Zweifel, Reue zeigen wir mit ihnen an. Der Grad der Ausstreckung und 
die Stellung der Finger hängt von der Stimmung und Natur des Sprechen- 
den ab. Wenn der Sprechende ruhig und unbewegt ist, so nehmen die 
Finger ihre verschiedenen Lagen und Richtungen ohne Anstrengungen 
an. Wenn er aufgeregt ist, so werden die Finger mit Kraft ausgestreckt 
oder zusammengezogen. 
 Die Hand, an den Kopf gehalten, kann Schmerz oder Kummer, bisweilen auch 
Überlegung oder Nachsinnen anzeigen. Die Hand, vor das Auge gehalten, drückt 
Beschämung aus, in der bekannten Art an die Lippen gehalten: Stillschweigen. Keine 
dieser Bewegungen ist von dem Willen beeiniiußt, keine läßt sich auf den Instinkt 
zurückführen, denn sie sind völlig zwecklos, aber alle beweisen die unendliche Leich- 
tigkeit, mit welcher die Gemütsbewegung weit über die Grenzen des Antlitzes hinaus- 
wirken kann. Die Physiologie bezeichnet diese Erscheinung als Irradation. Das 
schreibende Kind wälzt seine Zunge im Munde hin und her, weil die Erregung gleich- 
zeitig die Bewegungsnerven des Armes und der Zunge mitergreift. Die Erregung 
schreitet oft zu den verschiedensten Zentren für Muskelzusammenziehungen fort und 
veranlaßt eine Menge von zwecklosen Bewegungen, obwohl die Handlung an sich 
abgeschlossen und vollendet ist, wie bei dem Billardspieler, der den Gang der Billard-
        

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