Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950918
Kopfes. 
des 
Muskeln 
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dieser beiden Empfindungen hin genau ebenso, wie er entstehen würde, 
wenn saure und süße Stoffe unsere Geschmacksnerven direkt treffen. 
Diese Bewegungen haben sich so fest mit den betreffenden Geschmacks- 
empfindungen assoziiert, daß schon die Vorstellung eines süßen Gerichtes 
genügt, um unfehlbar die nämlichen Bewegungen hervorzurufen. Die 
Beobachtung hat nun ermittelt, daß alle jene Gemütsstimmungen, welche 
auch die Sprache mit "bitter" oder "süß" bezeichnet, sich mit den ent- 
sprechenden mimischen Bewegungen des Mundes für das Bittere und 
Süße kombinieren. Das Prinzip der Assoziation beherrscht auch das 
Öffnen und Schließen der Nasenlöcher bei der Vorstellung angenehmer 
oder widerlicher Geruchsempfindungen, sowie das Öffnen und Schließen 
der Lider bei Freude oder Schmerz, als ob es sich dabei um Aufnahme 
von Lichtstrahlen oder um Schutz vor solchen handele. 
Eine andere Reihe von Ausdrucksbewegungen der kompliziertesten 
Art beruht auf dem Umstande, daß starke Gemütsbewegungen eine 
plötzliche Lähmung zahlreicher Muskelgruppen zur Folge haben. Die 
Totenblässe der Angst, der Erguß der Thränen, der Galle, das Herz- 
klopfen und die Ohnmacht erklären sich befriedigend aus dem Prinzip 
der direkten Innervationsänderung innerhalb der Mechanik unserer 
Nerven. Die Ausdrucksbewegungen dieser Art sind vollkommen der 
Herrschaft unseres Willens entzogen, und der festeste Entschluß 
ist machtlos gegen ihr Hervorbrechen. Das Erröten ist ebenfalls diesem 
Prinzip untergeordnet, gleichviel, 0b es den Zorn begleitet, oder ob es 
bei den mäßigeren Aifekten der Scham und der Verlegenheit auftritt. 
Die innige Verkettung unseres gesamten Nervensystemes, freilich 
innerhalb einer strengen Gliederung, hilft zu der Erklärung jener Ge- 
bärden, die man unter dem Namen symbolische Bewegungen zu- 
sammengefaßt hat, eine Bezeichnung, die zwar leicht Mißverständnisse 
erzeugen kann, aber dennoch die innige, unbewußte Beziehung der 
Bewegung zu unseren Sinnesvorstellungen verständlich ausdrückt. 
Die Gliedmaßen werden vor allem durch die symbolischen Bewegungen 
zu einer Beteiligung bei dem Ausdruck von Affekten mit fortgerissen. 
Einige Beispiele mögen diese Symbolik erklären. Wenn wir mit Affekt 
von Personen und Dingen sprechen, weisen wir unwillkürlich mit der 
Hand in jene Richtung, in der sie sich befinden. In gleicher Weise 
bilden wir in affektvollem Sprechen oder Denken Raum- und Zeitverhält-' 
nisse nach, indem wir das Große und Kleine durch Erhebung und Senkung 
der Hand andeuten. In der Empörung über eine Beleidigung ballen wir 
die Faust, selbst dann, wenn der Beleidiger gar nicht anwesend ist und 
wir nicht im mindesten die Absicht haben, ihm persönlich zu Leibe zu 
gehen. (Nach DARWINS Ermittelungen scheint übrigens diese Gebärde 
nur bei Völkern heimisch zu sein, welche mit den Fäusten zu kämpfen 
pflegen.) Bei heftigem Zorn kann sich die nämliche Bewegung mit der
        

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