Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950851
Muskeln des Kopfes. 
309 
neben Freude und Schmerz der Haß und der Zorn. Die Abneigung, 
die erste Stufe des Hasses, hat schwer erkennbare Zeichen, es sei denn, 
man halte das bezeichnete Wort selbst als die beste Schilderung dieses 
Gemütszustandes. Denn während "Zuneigung" das Hinneigen des Körpers 
nach dem Gegenstand des Gefallens ausdrückt, eine Stellung, die wie 
eine Zwangsbewegung mit absoluter Regelmäßigkeit auftritt, so besteht 
die Gebärde der "Abneigung" in dem Wegwenden des Blickes, des Kopfes 
oder des ganzen Körpers. Die Sprache drückt also durch ihr Wort 
gleichzeitig am schärfsten die Äußerung dieses seelischen Zustandes aus. 
Wir suchen von unserem Auge wie von unserem Geist den unangenehmen 
sinnlichen Eindruck fernzuhalten. Der Blick streift den Gegenstand kaum, 
und eine Person wird für uns „Luft", wie ein moderner Ausdruck lautet, 
sie wird ggeschnitten", was sagen will, daß der Blick an der Erscheinung 
vorübergleitet, mit der Absicht, sie nicht zu bemerken, obwohl sie sich 
in dem Gesichtskreis befindet. Mit dem Wegwenden von einer Person, 
welche sonst unserer Beachtung oder noch mehr unseres Mitgefühles wert 
wäre, ist die Abneigung schon deutlich durch eine Gebärde des ganzen 
Körpers ausgedrückt. Sie kann sich dabei gegen die Persönlichkeit 
richten oder nur gegen ihr Begehren. In beiden Fällen ist die Gebärde 
dieselbe. Die Ausdrucksform giebt der Abneigung den Charakter der 
Geringschätzung, sobald mit dem teilweisen Schließen der Augenlider, 
dem Wegwenden der Augen und des ganzen Körpers gleichzeitig das 
Erheben und das Zurückwerfen des Kopfes sich verbindet, eine Gebärde, 
welche die Erhebung über das Geringe, Niedrige ausdrückt. Die Gestalt 
streckt sich, um an Höhe zu gewinnen. Während diese Gebärde nur 
vorübergehend ist, wird sie, wenn dauernd, zu derjenigen des Stolzes. 
Ein stolzer Mensch drückt sein Gefühl der Überlegenheit über 
andere dadurch aus, daß er seinen Kopf und Körper auffallend aufrecht 
hält. Er ist erhaben, und macht sich selbst so groß als möglich, so daß 
man in übertragenem Sinn von ihm sagt, er sei von Stolz geschwollen 
oder aufgebläht. Ein arroganter Mensch blickt auf andere herunter, und 
läßt sich nur dazu herbei, sie mit gesenkten Lidern anzusehen. 
Während bei all diesen stummen Äußerungen der den Geist beherr- 
schenden Vorstellungen das Auge sich wegwendet, kommen gleichzeitig, 
wie schon erwähnt, Muskelwirkungen in der Umgebung des Augapfels 
hinzu; das obere Lid senkt sich, und sobald nur etwas Groll in die Em- 
pfindung sich mischt, ziehen sich die Augenbrauenrunzler zusammen und 
breiten einen Schatten über das Auge aus. Diese Zusammenziehung in 
der Umgebung der Lidspalte wird begleitet von einer ganz bestimmten 
llluskeblürkllllg im Bereich der Mundspalte. Der Mund wird geschlossen, 
die Lippen pressen sich erst leicht, bei erhöhten Graden stärker an die 
Zähne, die Unterlippe hebt sich in ihrem mittleren Teil höher, wodurch 
die Mundwinkel tiefer stehen und eine Richtung nach abwärts erlangen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.