Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950791
des 
Muskeln 
Kopfes. 
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Gehirn unvollständig mit dem ernährenden Safte versorgt und kann in 
seiner Thätigkeit so gestört werden, daß Ohnmacht eintritt. Die ganze 
Reihe der die Furcht begleitenden Erscheinungen zu beschreiben, wie 
„kalter Schweiß", Zittern der Lippen und des Körpers, die beschleunigte 
Atmung, die Trockenheit des Mundes, heisere Stimme, oder gänzliches 
Versagen der Stimme u. s. w. liegt nicht in dem Bereich unserer Aufgabe. 
Dagegen soll daran erinnert werden, daß sich die Haare aufstellen und 
die Arme vorgestreckt werden, als wollten sie eine Gefahr abwenden. In 
anderen Fällen tritt eine plötzliche und unbezwingbare Neigung zur kopf- 
losen Flucht ein; und diese ist dann so stark, daß die tapfersten Männer 
von einem panischen Schreckenl ergriffen werden können. 
Wenn die Furcht auf den höchsten Gipfel steigt, dann wird der Schrei des 
Entsetzens gehört, der Unterkiefer fallt nicht herab, sondern wird durch Muskeln 
herabgerissen. Der Mund hat die Mundwinkel stark nach abwärts gezogen. Dabei 
beteiligt sich in ganz hervorragendem Grade der Hautmuskel des Halses. Die Augen 
starren nach dem Gegenstand des Entsetzens hin, weit aufgerissen, aber die Stirn 
zeigt kräftige Zusammenziehung der Brauenrunzler. Der Körper ist in dem Zustand 
äußerster Anspannung und alle Muskeln in einer momentanen, energischen Zusammen- 
ziehung. Die Energie zeigt sich bei dem Herabziehen des Unterkiefers und in der 
kraftvollen Verkürzung des- Hautmuskels, dessen vorderer Rand mit größter Deut- 
lichkeit hervortritt. 
Die Entstehung dieser Art der Ausdrucksbewegungen bei den Affekten der 
Überraschung, der Furcht und des Entsetzens läßt sich nicht mehr in Einklang mit 
dem Charakter bringen, welche die Kategorie der Lustaffekte begleiten. Daß un- 
angenehme Überraschungen und daß Furcht und Entsetzen mit weitgeöiiineten Augen 
und weitgeöifnetem Munde sich in unseren Gebärden widerspiegeln, also demselben 
Mechanismus gehorchen, der das Auge dem Licht und den angenehmen Eindrücken 
öffnet, ist schwer zu deuten. Es ist_auch zur Zeit durchaus unmöglich, die Zweck- 
mäßigkeit dieser Gebärden einzusehen. Besser reihen sich in dieser Hinsicht die 
Ausdrucksbewegungen der Andacht an. Das geöffnete Auge ist nach oben ge- 
wendet, als ob von dort her Licht in dasselbe überströmte. Es giebt übrigens ver- 
schiedene Formen der Andacht. Die modernen abendländischen Völker kehren das 
Gesicht nach dem Himmel und rollen die Augäpfel nach oben, sodaß die Iris zu 
einem beträchtlichen Teil unter dem Lid sich verbirgt. Diese Miene hängt wohl mit 
dem Glauben zusammen, daß der Himmel über unseren Häuptcrn gelegen sei. Die 
demütig knieende Stellung mit erhobenen und ineinander gelegten Händen stammt 
vielleicht aus dem römischen Altertum. Sie war dort die Stellung sklavischer Unter- 
Würfigkeit, welche die vollständige Unterwerfung dadurch beweist, daß sie die Hände 
dem Sieger zum Binden darbietet. Es ist möglich, daß diese Gebärde in die moderne 
Religion mit hinüber genommen wurde, um die heidnische Form der Andacht zu ver- 
meiden, denn der Römer betete in ganz anderer Weise. Der Blick des antiken Beters 
erhob sich zwar auch zum Himmel, die Hände waren jedoch nicht gefaltet, sondern 
die erhobenen Hände zeigten die Flächen nach oben gewendet.  Eine andere Form 
der Andacht hat der Muhamedaner. Er kniet, aber sitzt dabei auf seinen Fersen, 
die Hände auf die vordere Schenkelfläche platt angelegt, oder über die Brust ge- 
1 Panischer Schrecken, terreur panique, engl. panic, ein plötzlicher aber un- 
nötiger oder unbegründeter Schrecken, als deren Urheber man im Altertum den 
Pan, den Gott der Hirten und Herden betrachtete.
        

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